Die Schrecken des chinesischen Neujahrfestes

Anlässig zum heutigen Laternenfest, welches das Ende des Frühlingsfestes verkündet, möchte ich euch etwas über das Neujahrsfest berichten. Eigentlich ist das Frühlingsfest in China das größte und wichtigste Fest, wo Freude mit den liebenden geteilt werden sollte. Aber das größte Fest bringt auch viele Tücken mit sich.

1. Die Reise zum Heimatort –  Chunyun

Chunyun [春運] bezeichnet die 40-Tägige Reise-Periode zum Frühlingsfest. Sie verläuft dieses Jahr vom 24.01 bis zum 03.03. Schätzungsweise werden dieses Jahr zu dieser Periode sich über 2,9 Milliarden Menschen auf die Reise machen.
Ein Grund für diese Wanderung sind die Wanderarbeiter, die in die Großstädte gezogen sind, um dort eine Lebenschance zu erhaschen. Vor allem Städte, wie Shanghai, Peking und Guangzhou sind betroffen. Und zum Frühlingsfest hin möchten natürlich alle wieder in die Heimat zurück.
Wer mit der Bahn reisen will, muss sich schon Wochen vorher die Tickets bestellen. Sonst geht man nämlich leer aus.

Bahntickets in China

Apropo Tickets, in China steht auf den Tickets der eigene Name und die Personalausweisnummer drauf. Könnt ihr euch das vorstellen? Früher gab es das Problem, dass einige die Tickets im voraus leer, und dann später zu den verschiedenen Festen überteuert weiter verkauften. Von daher wurde dann vor einigen Jahren diese Regelung eingeführt.
Letztes Jahr wollte ich mit der Bahn nach Shanghai fahren. Aber meine Freundin, die das Ticket für mich bestellte, hatte eine falsche Passnummer von mir angegeben. Ich hatte nämlich einige Monate zuvor einen neuen Pass bekommen und darauf war halt eine ganz neue Nummer. Ja… da hatte ich den Salat. Ich durfte nicht mit der Bahn fahren und das Geld bekam ich auch nicht zurück, da ja meine Passnummer nicht stimmte!
Jegliche Versuche der Dame am Schalter das zu erklären blieb aussichtslos. Solang ich meinen alten Pass nicht mitbringen würde, könne man einfach nichts machen. Ich wäre ja nämlich ein ganz anderer Mensch, als auf dem Ticket angegeben. Mir blieb also nichts übrig, als einfach ein neues Ticket zu kaufen, obwohl ich ein voll bezahltes Ticket in der Hand hielt.chunyun

Keine Tickets weit und breit

Aber nicht nur die Bahn und Bustickets sind ausverkauft. Sogar die Direktflüge zu manchen Städten sind ausverkauft. Die Situation kommt so krass, dass sogar sich viele Chinesen bei Reisebüros anmelden, um eine Reise ins Ausland zu buchen und dann von da aus in die Heimatstadt zu fliegen.

Mit dem Auto sind auch nicht wenige unterwegs. Da vor einigen Jahren ja die Mautgebühr an Feiertagen abgeschafft wurde, fahren umso mehr Leute selbst mit dem Auto. Ich glaub ich muss euch nicht mehr sagen, wie der Verkehr dann läuft, oder? 🙄 Und da das Wetter in diesem Winter besonders bescheiden war, wurden diesen Winter besonders viele Unfälle verzeichnet.

Fazit für mich: Ich bleibe Zuhause.

2. Der Streit, zu welchem „Nachhause“ man fahren soll,

Das Frühlingsfest ist eine Zeit der Zusammenkunft der Familien. Wo auch immer man sich befindet, zum Frühlingsfest kommt man Nachhause und feiert das Fest mit der Familie. Familienmitglieder verschiedener Generationen vereinen sich an einem Tisch und genießen das Essen und die Zeit miteinander.
Aber nun zum großen Streitthema schlechthin. Zu welchen Eltern soll man gehen!? Den eigenen oder zu den Schwiegereltern? Natürlich will jeder zu sich Nachhause. Für viele scheint dieses Problem sehr banal zu sein. Aber nicht für die Chinesen. Es ist sogar so bedeutend, dass sich Paare aufgrund dessen scheiden lassen!

Scheidung frühlingsfest

In Chongqin gab es eine Nachricht, dass sich 549 Paare am Valentinstag scheiden liessen. Valentinstag, der Tag der liebenden? Nicht hier nach dem Frühlingsfest. Am 14.02 war der erste offizielle Arbeitstag nach den Feiertagen. Das nahmen viele Paare zum Anlass, sich scheiden zu lassen.

Die letzte Nachricht die ich dazu las, war eine Frau, die das Auto des Mannes absichtlich versteckte. Aus dem einfachen Grund, dass sie dann nicht zur Heimat des Mannes hätten fahren können. Aber da hatte sich die Frau wohl zu früh gefreut. Ihr Mann rief nämlich die Polizei an und somit kam ans Licht, dass die Frau das Auto „gestohlen“ hatte. Was aber aus dem Pärchen wurde, wurde nicht mehr gesagt.

3. Rent a girl- or boyfriend for chinese new year!?

Das Frühlingsfest rückt immer näher. Alles muss für das große Ereignis vorbereitet werden. Kühlschränke werden bis auf das oberste Fach befüllt, HongBaos (rote Geschenkumschlänge mit Geld) vorbereitet, Lampen und Fensterbilder aufgehangen. Und ja..manche haben noch eine besonders große Aufgabe vor sich. Nämlich das Finden der perfekten „besseren Hälfte“, um sie der werdenden Familie vorzustellen.
In China, einer Kultur, die oft wenig schmeichelhaften Etiketten den Ledigen zuteilt, macht manch einer das schnelle Geld durch ihre Dienste als Mietpartner. Und besonders zum Frühlingsfest boomt diese Geschäftsidee, um die durchlöchernden Fragen der Eltern und Verwandten aus dem Weg zu gehen. Wenn man keinen echten Freund / Freundin hat, kann man sich ja einfach fix einen mieten. Oder nicht?
Man bedenke aber, dass es hierbei weniger um sexuelle Praktiken, sondern das einfache vorzeigen eines Freundes oder Freundin vor den Verwandten / Eltern.
Ein Zitat aus Weibo:

„Jedes Jahr zum Frühlingsfest kommen all diese neugierigen Verwandten und fragen, warum ich noch keinen Freund habe. Ich bin nicht in der Laune das chinesische Neujahr zu feiern.“

Bitte fragt mich nicht…!

Das Frühlingsfest ist also nicht nur mit Spaß und Freude verbunden, sondern auch mit Stress. Stress vor den durchbohrenden Fragen, der Familienangehörigen.
Hier einige unangenehme Fragen:

  1. Schüler: Wie sind deine Noten?
  2. Uni Absolvent: Hast du schon einen Job gefunden?
  3. Berufstätiger: Wie viel verdienst du pro Jahr?
  4. Single: Hast du schon eine/n Freund/in?
  5. Wenn du schon eine/n Freund/in hast: Wann bekommt ihr endlich Kinder?

 

4. Wucherpreise und das Schlange Stehen an Restaurants

An großen Feiertagen steigen gern mal die Preise in die Höhe. Man will ja nicht vor den Verwandten geizen. Also heißt es Augen zu und durch. Ich hatte ja letztes Jahr schon von den überteuerten Schrimps berichtet. Solche Nachrichten überhäufen sich mittlerweile nur noch. Was momentan allen Fässern den Boden weghaut ist der TianJiaYu [天价鱼] Tian bedeutet Himmel, Jia ist die Abkürzung von Jiage [价格] und bedeutet Preis und Yu bedeutet Fisch.

Bei dieser Nachricht handelte es sich um ein Restaurant, welches einen normalen Fisch für 800CNY / 110EUR pro Kilo anbot. (Der Durchschnittschinese verdient etwa 3000CNY pro Monat). Eine Familie von 20 Personen ist zusammen dort essen gegangen und hat insgesamt sagenhafte 10.302,00CNY / 1.400,00EUR für das Abendessen dort bezahlt. Was 515CNY pro Person ausmacht. Mal zum Vergleich, wenn ich mit meinem Mann auswärts essen gehe, bezahlen wir für „normales“ Essen etwa 50CNY. Und wenn es mal ein nobleres Restaurant ist, auch nur so 200-300CNY für ZWEI Personen.

Aber naja, nicht nur die Preise in Restaurants sind teurer geworden, sondern auch alltägliche Lebensmittel im Supermarkt, wie Obst, Gemüse und Fleisch.

Schlange stehen

 

Als Beispiel: „Wuxi’s Famous Xiao Long Bao“ Von diesem Laden hatte ich schonmal berichtet gehabt. Von Deutschland her kenne ich das ja, wenn kein Platz mehr herrscht, geht man zum nächsten Laden. Nicht so in China. Da wartet man gerne auch stundenlang draußen in der Kälte um einen Platz zu ergattern. Berühmte Plätze werden regelrecht zu „Attraktionen“. Jeder will sein Seine Familie dorthin zum Essen entführen, denn es sei ja eine Spezialität der Stadt. Das man dann dort drin nicht gemütlich essen kann, ist ja eigentlich klar, aber trotzdem will jeder hin.

In Ningbo haben wir auch so ein Restaurant. Wir sind zum Frühlingsfest mehrmals daran vorbei gelaufen, weil es genau im Stadtzentrum liegt. Und wirklich um jede Uhrzeit stand eine ellenlange Schlange vor dem Laden. Sogar um 15.00Uhr, wo eigentlich jeder schon gegessen haben sollte, und es für das Abendessen auch zu früh ist, stand die Schlange meterweit. Draußen wurden sogar einige Hocker aufgestellt, damit sich die Gäste hinsetzen konnten.

Das sind jedenfalls die Dinge, die mir jetzt spontan eingefallen sind. Ich denke da kommt noch vieles mehr dazu, was mir jetzt nicht mehr einfallen mag.

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5 comments

  1. Das ist ja total irre!
    also klar.. an Weihnachten herrscht ja auch Ausnahmezustand in Deutschland:
    Familien besuchen, volle Autobahnen, teures essen in Restaurants, unangenehme Fragen der Verwandten.
    Aber das ist ja richtig irre in China.. kein Vergleich zu Deutschland.
    der Wahnsinn.!

    Viele liebe Grüße

    Franzy

  2. Hi Ting Ting,
    danke für die ausführlichen Schilderungen. Ich hoffe, Du hattest trotz allem das Fest auch ein wenig genossen?!

    Was ich mich aber frage, wie können 2.9 Milliarden Menschen reisen? Sind hier mehrere Fahrten pro Person gezählt?

    Liebe Grüße,
    Ragnar

    1. Hallo Ragnar,
      ja, bei uns war es dieses Jahr ruhig, da wir in Ningbo geblieben sind.

      Die Chunyun Periode läuft 40Tage lang. Dieses Jahr vom 24. Januar bis zum 3. März. Also dauert sogar noch etwas an. Und ja, es werden mehrere Fahrten pro Person berechnet. Sonst ginge das ja gar nicht. Das habe ich vergessen im Text zu erwähnen, sorry^^

      Die Zahl von 2,9Milliarden ist bis jetzt nur eine Schätzung. Quelle: http://hamburg.china-consulate.org/det/gnxw/t1327794.htm

      Vom 7,02-14,02, also den 7tägigen Feiertagen in China, waren nur 400 Millionen reisende unterwegs. Davon gingen etwa 8 Millionen ins Ausland.
      Quelle: http://english.anhuinews.com/system/2016/02/16/007219017.shtml

      1. Danke, liebe Ting Ting!

        Ach, wenn es sich auf so viele Tage verteilt, sind im Schnitt täglich ja nur so ungefähr 80 Millionen (=alle Deutsche) unterwegs! 😉

        LG Ragnar

  3. Zugfahrkarten überhaupt zu kaufen dürfte doch auch spannend sein, oder? Ich weiß noch, dass ich selbst online, fünf Minuten nachdem die Fahrkarten freigeschaltet waren, nur noch Sitzplätze buchen konnte – nicht ganz so angenehm bei 26h Fahrt. Immerhin musste ich nicht stehen 🙂

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