女娲 (Nǚwā) – Die Göttin, die Menschen formte und den Himmel reparierte

by Avatar-FotoTing Ting
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In den ältesten Geschichten der chinesischen Mythologie taucht immer wieder eine Gestalt auf, die zugleich vertraut und fremd wirkt: 女娲 (Nǚwā). Manchmal wird sie als Frau mit menschlichem Oberkörper dargestellt, manchmal mit einem schlangenartigen Körper, der sich wie eine Spirale unter ihr windet. In alten Darstellungen steht sie oft neben ihrem Bruder 伏羲 (Fúxī), beide mit ineinander verschlungenen Schlangenkörpern, ein Bild, das von Schöpfung, Ordnung und Anfang erzählt.

Doch die bekannteste Geschichte über Nüwa beginnt viel einfacher.


Eine leere Welt

Nach der Zeit von 盘古 (Pángǔ), dem Riesen, der Himmel und Erde voneinander getrennt haben soll, lag die Welt still da. Berge erhoben sich aus der Erde, Flüsse schlängelten sich durch Täler, und über allem spannte sich ein klarer Himmel. Doch etwas fehlte.

Die Welt war groß, aber sie war leer. Keine Stimmen, kein Lachen, kein Streit. Nur Wind und Wasser.

In dieser stillen Landschaft wanderte Nüwa umher. Sie betrachtete die Berge, die Flüsse, die Wälder  und merkte irgendwann, dass sie allein war.

Der Legende nach setzte sie sich an das Ufer eines Flusses und begann im Schlamm zu spielen.


Wie Nüwa Menschen aus gelber Erde erschuf

Der Schlamm, den Nüwa am Flussufer fand, war gelb, dieselbe Erde, aus der später die fruchtbaren Felder des 黄河 (Huánghé), des Gelben Flusses, entstehen würden.

Nüwa nahm ein Stück dieser Erde in die Hände und formte daraus eine kleine Figur. Arme, Beine, Kopf. Noch sah sie nur aus wie eine Tonpuppe. Dann stellte sie die Figur auf den Boden.

In diesem Moment geschah etwas Seltsames: Die Figur begann sich zu bewegen. Der erste Mensch war entstanden.

Nüwa war überrascht und vielleicht auch ein wenig erfreut. Also machte sie weiter. Sie formte eine Figur nach der anderen, jede ein wenig anders. Manche größer, manche kleiner. Manche kräftig, andere zierlich.

Doch irgendwann merkte sie, dass diese Arbeit sehr langsam voranging. Wenn sie jeden Menschen einzeln formen wollte, würde sie niemals fertig werden.

Also nahm sie ein Seil, tauchte es in den Schlamm und schleuderte es durch die Luft. Die Tropfen aus Erde, die dabei auf den Boden fielen, verwandelten sich ebenfalls in Menschen.

So erzählt die Legende, dass die sorgfältig geformten Figuren die ersten Menschen wurden, während die verstreuten Tropfen die späteren Generationen hervorbrachten.


Der Himmel zerbricht

Lange Zeit lebten die Menschen friedlich auf der Erde. Doch dann kam eine Katastrophe.

In einigen alten Geschichten wird erzählt, dass zwei mächtige Wesen – 共工 (Gònggōng) und 祝融 (Zhùróng) – gegeneinander kämpften. Während ihres Kampfes stieß Gonggong mit solcher Wucht gegen einen heiligen Berg, dass ein Teil des Himmels einstürzte.

Plötzlich brach Chaos über die Welt herein.

Der Himmel bekam Risse. Feuer fiel vom Himmel. Flüsse traten über ihre Ufer. Tiere flohen, und die Menschen wussten nicht, wohin sie gehen sollten. Die Ordnung der Welt war zerstört.


Nüwa repariert den Himmel

Als Nüwa sah, was geschehen war, beschloss sie einzugreifen. Sie sammelte fünf verschiedenfarbige Steine – rot, gelb, blau, weiß und schwarz – und schmolz sie in einem gewaltigen Feuer. Die Legende erzählt, dass diese geschmolzenen Steine zu einer leuchtenden Masse wurden, mit der sie die Risse im Himmel wieder verschloss.

Doch das war noch nicht genug. Der Himmel brauchte Stützen, um nicht erneut einzustürzen. Deshalb tötete Nüwa eine riesige Schildkröte und verwendete ihre vier Beine, um den Himmel zu stützen.

Langsam hörten die Brände auf. Die Flüsse beruhigten sich. Die Welt fand wieder zu ihrer Ordnung zurück. Die Menschen konnten weiterleben.

Die Legende von Nüwa ist mehr als nur eine Schöpfungsgeschichte. Sie erzählt auch etwas über die Vorstellung von Verantwortung in der chinesischen Mythologie. Nüwa erschafft nicht nur Menschen – sie sorgt auch dafür, dass die Welt stabil bleibt.

Als der Himmel zerbricht, wendet sie sich nicht ab. Sie repariert ihn. In diesem Sinn ist Nüwa nicht nur eine Schöpferin, sondern auch eine Beschützerin der Welt.

Auch heute taucht 女娲 (Nǚwā) immer wieder in Literatur, Kunst und Popkultur auf. Tempel, Statuen und alte Reliefs erinnern an die Göttin, die einst Menschen aus Lehm formte und den Himmel wieder zusammensetzte.

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