Wenn Gäste vergessen, dass Kellner auch Menschen sind

by Avatar-FotoTing Ting
Veröffentlicht: Aktualisiert: 3,3K Aufrufe 4 Minuten Lesezeit

Manchmal frage ich mich wirklich, ob manche Gäste eigentlich wissen, dass hinter der Theke keine Maschinen stehen, sondern Menschen. Menschen mit Füßen, die nach 12 Stunden weh tun. Mit einem Kopf, der nach 200 Bestellungen nicht mehr ganz so schnell schaltet. Und mit Gefühlen.

Ich habe viele Jahre im Restaurant meiner Familie gearbeitet. Manche Situationen vergisst man einfach nicht. Nicht, weil sie so lustig waren. Sondern weil sie etwas in einem ausgelöst haben.

Hier ein paar davon.



1. Die Dreisten

Es war Ostern. Der Laden war rappelvoll. Ich war vielleicht 13 oder 14 und stand hinter der Theke. Eigentlich noch ein Kind, aber im Familienbetrieb wächst man da automatisch rein.

Ein Pärchen stand auf, nahm seine Jacken von der Garderobe und kam an mir vorbei. Beide lächelten mich an.

„Tschüüüüüss!“

Ich lächelte zurück. „Tschüss.“

Ein paar Minuten später kam mein Bruder.

„Ist Tisch 5 schon weg?“
„Ja.“
„Haben die bei dir bezahlt?“

Noch bevor ich antworten konnte, kam mein anderer Bruder dazu.

„Haben die bei dir bezahlt?“
„Nein, ich dachte bei dir.“

Stille.

Mir wurde plötzlich heiß.
Die sind einfach gegangen.

Nicht aus Versehen. Nicht aus Verwirrung. Die haben mir ins Gesicht gelächelt und sind dann ohne zu bezahlen verschwunden.


2. Das ungleiche Paar

Volles Lokal. Ein Pärchen kommt rein. Ich führe sie zu einem Tisch. Alles normal.

Beide bestellen. Ich bringe zuerst das Gericht des Mannes. Er fängt sofort an zu essen. Kein Warten. Kein „Wir essen zusammen“. Einfach los.

Kurz darauf bringe ich das Essen der Frau. Sie schaut es an, rümpft die Nase.

„Das Essen ist kalt.“

Innerlich: Seufz.
Äußerlich: Lächeln.

„Ich lasse es zurückgeben.“

Ich bringe es zurück in die Küche. In der Zeit isst der Mann weiter. Genüsslich. Ganz entspannt.

Ich bringe das Essen erneut. Aber die Stimmung ist schon im Keller.

„Es dauert hier alles viel zu lange“, sagt sie.

Ich entschuldige mich.

„Jetzt können wir gar nicht mehr zusammen essen.“

Ich schaue kurz auf den Teller ihres Mannes. Halb leer.

Sie isst ein paar Happen, schiebt den Teller weg.

„Ich möchte zahlen.“

Ich stelle die Rechnung aus. Ihr Gericht berechne ich natürlich nicht.

Sie schaut auf die Rechnung.

„Warum soll ich das bezahlen? Wir konnten nicht mal zusammen essen.“

Vielleicht weil er seinen Teller komplett leer gegessen hat? denke ich.

„Ihr Gericht habe ich nicht berechnet. Das andere wurde gegessen.“

Sie diskutiert. Wird lauter. Fühlt sich im Recht.

Am Ende zahlt sie. Widerwillig.

Der Mann sagt kein einziges Wort.


3. Die Betrunkenen

Betrunkene Gäste sind ein Kapitel für sich.

Sie reden lauter als alle anderen. Sie kommen zu nah. Sie fassen einen an der Schulter an, als wären wir alte Freunde. Und sie gehen nicht, wenn man sie bittet.

Ein Stammgast kam immer wieder. Bestellte Bier an der Theke. Hatte oft kein Geld. Und störte andere Gäste.

Einmal wurde es so extrem, dass wir ihm tatsächlich mit der Polizei drohen mussten.


4. Der Flirtende

Flirtende Männer können unfassbar unangenehm sein. Und nein, ich meine nicht charmant. Ich meine diese Art von „Du weißt genau, dass ich dich gerade anstarre“.

Damals war ich noch jung. Und es waren nicht Gleichaltrige, die flirteten. Es waren Männer, doppelt oder dreimal so alt wie ich.

Ein Stammpärchen kam regelmäßig. Er mindestens 70, sie aus China, vielleicht Mitte 30. Und ich merkte richtig, wie manche Männer dann automatisch dachten, junge Asiatinnen stehen auf alte Männer.

Nur weil man asiatisch aussieht, heißt das nicht, dass man irgendein exotisches Klischee erfüllt.

Manchmal habe ich mich einfach nur unwohl gefühlt. Und musste trotzdem freundlich bleiben.


5. Kinder außer Kontrolle

Schreiende Kinder gehören irgendwo dazu. Klar. Kinder sind Kinder.

Aber wenn ein Kind durch das Restaurant rennt, kreischt, Besteck vom Tisch zieht und die Eltern einfach nur daneben sitzen und nichts sagen… dann wird es schwierig.

Nicht nur für uns. Auch für andere Gäste.

Man kann Kinder nicht perfekt kontrollieren. Aber man kann reagieren. Und genau das fehlte oft.


6. Die Schwindlerin

„Ich habe ein Haar im Essen!“

Halber Teller leer.

Ich entschuldige mich sofort. Biete Ersatz an.

„Nein, ich möchte mein Geld zurück.“

Ich schaue auf das Haar. Blond.

In unserer Küche hatte niemand blonde Haare.

Ich schaue sie an. Blond.

„Es könnte sein, dass…“

„Wollen Sie mir unterstellen, dass ich lüge?!“

Ich bleibe ruhig. Erkläre sachlich, dass bei uns niemand blonde Haare hat.

Sie besteht auf ihr Geld.

Am Ende zahlt sie zähneknirschend.

Und ich stand da und dachte: Manche Menschen suchen nicht nach Lösungen. Sondern nach kostenlosen Mahlzeiten.


Schlussgedanke

Natürlich waren das extreme Fälle. Und es gab auch viele wunderbare Gäste. Menschen, mit denen man gelacht hat. Die freundlich waren. Die sich bedankt haben.

Aber diese Situationen bleiben hängen.

Wenn ihr irgendwo seid – im Restaurant, im Supermarkt, in der Bank – denkt daran: Da steht ein Mensch vor euch.

Nur weil jemand euch bedient, heißt das nicht, dass ihr ihn kleiner behandeln dürft.

Und glaubt mir: Wir erinnern uns an euch.

Das könnte dich auch interessieren

8 Kommentare

Avatar-Foto
ophelia 26/11/2013 - 21:30

Ja, man braucht überall gute Nerven, wo man Kunden oder Gäste betreut. Manche sind wirklich unverschämt, vor allem in Deutschland, da sind mir auch einige Dinge passiert, wenn ich davon berichte, glauben mir die Meisten nicht. Hier in der Schweiz sind die Menschen zurückhaltender und längst nicht so unverschämt, es ist ein ganz anderes Miteinander, um vieles angenehmer.
Aber unverschämte Menschen gibt es sicher überall auf der Welt, oder?
Liebe Grüße, Ophelia

Antworten
Avatar-Foto
Maricel 27/11/2013 - 12:23

Es gibt immer unverschämte Leute ohne Kinderstube. Du hast aber eigentlich immer professionell reagiert. Man muss sich nicht auf deren Stufen begeben und selbst so reagieren, wie sie einen anpampen, obwohl man das manchmal gerne tun würde.
Niemand arbeitet immer fehlerfrei.
Und dass es in D unhöflicher zugehen soll als sonstwo ? Naja.
Solche Szenen, wie sie Ting Ting beim Abwiegen vom Obst im Supermarkt in China beschreibt, kenne ich nicht.
Deutsche sind allerdings auch schwer in der Lage eine Schlange zu bilden ohne dass sich jemand vordrängeln will. Das ist aber
keine deutsche Spezialität.
Ich hab schon in Spanien im Hotel am Buffet gestanden und die schlimmsten Drängler waren die Einheimischen. Sie fanden es geschickt von hinten zu kommen und sich nicht brav einzureihen.
Oder Leute, die beim Bäcker einfach eine Bestellung aufgeben, obwohl sie noch lange nicht dran sind. Die werden dann von mir
zurechtgewiesen. Mir ist klar, dass die Verkäuferin freundlich bleiben muss, auch zu den Dränglern.
Am Besten ärgert man sich nicht über die Typen, auch wenn es schwer fällt.
Was ich auch nicht mag: laute Telefonierer auf der Straße oder in
der Bahn oder im Restaurant Telefonieren ist ja gut und schön, aber muss jeder wegen der Lautstärke alles mitbekommen?
LG

Antworten
Avatar-Foto
Ting Ting 28/11/2013 - 10:30

Hallo Maricel,
da hast du ja meinen Blog gut durchforstet, wenn du das mit dem Obst sogar gefunden hast *g*
Die Situationen, die du da aufzählst, sind mir in China viel öfters passiert, als in Deutschland, z.B das Gedrängle oder das laute Telefonieren. Das Telefonieren ist hier soooo extrem schlimm, da kriege ich manchmal die Krise.
Aber zum anderen ist es in China so unglaublich laut, dass man wohl ohne Gebrülle einem am Telefon gar nicht verstehen würde…Die Klingeltöne in China sind nach meinem Empfinden sogar noch lauter als die Polizeisirenen :roll: Denn diese sind hingegen so unglaublich leise….
Ich finde beim Buffet die Gäste ja auch total schlimm, die sich auf einmal alles wegschnappen und den anderen nix übrig lassen. Die stehen da wie die Geier und wenn nachgefüllt wird, nehmen sie sich gleich einen ganzen Berg voll…unglaublich…
Manchmal ist es wirklich schwer noch nett zu bleiben. Grr..

Antworten
Avatar-Foto
Tetra 27/11/2013 - 18:13

Das mit den Kindern bekomme ich auch als Gast auch oft mit. Dann sage ich oft zu meinem Freund, dass meine Mutter mich niemals kreischend durch ein Restaurant hat laufen lassen und er sieht das genauso.
Dass ihr den Fall in Numemr 5 habt bezahlen lassen finde ich prima :D Meine Mutter arbeitet in einem Café und hat öfters mal Leute, denen sie ihr Geld zurückgeben muss, weil sie sich über abstruse Dinge beschweren, natürlich auch, wenn das Essen schon größtenteils verzehrt ist.
Manche Leute haben echt kein Schamgefühl.

Antworten
Avatar-Foto
Ting Ting 28/11/2013 - 10:34

Also das mit dem Blonden Haar kann man ja wirklich keinem chinesischem Restaurant unterjubeln :roll: Das war etwas zu auffällig xD
Tja..wenn man etwas Geld sparen kann…da versucht man doch alles :-/

Antworten
Avatar-Foto
Michael 28/11/2013 - 11:32

Hallo Ting Ting,

ich hab dich gerade bei Blog-Zug gefunden und war begeistert. In deine Situation mit den Kundenproblemen kann ich mich extrem gut hineinversetzen. Ich habe 5 Jahre Kundenkontakt hinter mir (Agentur für Arbeit) und kenne entsprechend natürlich dieses Verhalten. Darunter auch Drohungen wie „Sie hören von mir, bzw. von Ihrem Chef“, die erstens vollkommen unbegründet sind und zweitens keinerlei Folgen haben.

Auch dreistes, unangemessenes Verhalten, das einem entgegenschlägt, wenn man versucht, sich -richtig- zu verhalten, ist sehr irritierend. Ich finde es gut, dass du immer versucht hast, kundenfreundlich zu sein und gleichzeitig dagegen zu halten, also nicht immer nachzugeben. Das ist sehr schwierig.

Ich habe dich übrigens auf Google Plus zu meinen Kontakt genommen. Ich hoffe, du schreibst weiter solch humorvolle Artikel, besonders deine durchgestrichenen, nicht ausgesprochenen Gedanken bringen mich zum Lachen.

Antworten
Avatar-Foto
Anna 29/11/2013 - 00:38

Danke für diese Artikel. Ich arbeite auch als nebenher Kellnerin und kann von diesen dreisten Menschen auch Geschichten erzählen…

Etwas was alle diese unverschämten Menschen gemeinsam haben, ist, dass sie nie ruhig sind sondern immer laut und extrem unhöflich und aggressiv. Solche Menschen dürften meiner Meinung nach gar nicht existieren.

Antworten
Avatar-Foto
Maricel 29/11/2013 - 19:31

Eltern, die ihre Kinder nicht erziehen wollen, ja, kenn ich auch.
Niemand traut sich was zu sagen: denn dann ist man ja kinderfeindlich. In Wahrheit sind diese Kinder zu bedauern, denn
sie werden irgendwann diszipliniert, mit schlechten Noten und
von anderen Kindern.
Aber wenn man sich solche Eltern genau anschaut, dann weiß man auch, warum die Kinder so sind.

Antworten

Hinterlasse einen Kommentar

* Mit der Nutzung dieses Formulars erklären Sie sich mit der Speicherung und Verarbeitung Ihrer Daten durch diese Website einverstanden.

Adblock erkannt

Bitte unterstützen Sie uns, indem Sie die AdBlocker-Erweiterung Ihres Browsers für unsere Website deaktivieren.