Wenn die Eltern ein eigenes Lokal haben

by Avatar-FotoTing Ting
Veröffentlicht: Aktualisiert: 4,K Aufrufe 3 Minuten Lesezeit

Seit ich denken kann, spielte die Gastronomie eine Rolle in meinem Leben. Mein Vater und mein großer Bruder arbeiteten beide in diesem Bereich. Wirklich gesehen habe ich sie früher aber kaum. Sie waren nicht jeden Abend zu Hause, nicht jedes Wochenende. Oft kamen sie nur alle paar Monate mal nach Hause. Arbeit bedeutete bei uns: weg sein.

Als ich fast zehn Jahre alt war, eröffnete meine Familie dann ihr erstes eigenes Lokal in Deutschland. Ab diesem Moment veränderte sich alles.

Arbeit, immer Arbeit

Mit dem eigenen Restaurant gab es plötzlich keine klaren Tagesabläufe mehr, wie ich sie vorher kannte. Gearbeitet wurde täglich, wirklich jeden Tag. Feiertage spielten keine Rolle. Weihnachten, Ostern, Silvester – unser Lokal hatte offen. Während andere Familien feierten, wurde bei uns gekocht, serviert, geputzt.

Meine Familie arbeitete bis spät abends, oft bis 23:30 Uhr. Ich lag zu dieser Zeit schon längst im Bett. Morgens stand ich um sieben Uhr auf, um zur Schule zu gehen. Wenn ich das Haus verließ, schliefen alle anderen noch. Wenn ich abends nach Hause kam, war wieder niemand da. Das Gefühl, alleine zu sein, kannte ich damals ziemlich gut.

Essen nach Uhrzeit, nicht nach Hunger

Im Restaurant gab es feste Essenszeiten. Morgens um zehn, mittags um fünfzehn Uhr, abends um dreiundzwanzig Uhr. Für mich waren diese Zeiten kaum einzuhalten. Meist aß ich alleine. Schnell, zwischendurch, oft irgendwas, was gerade da war.

Viele stellten sich das Leben mit eigenem Lokal immer sehr romantisch vor. Gemeinsam arbeiten, gemeinsam essen, gemeinsam Zeit verbringen. In Wirklichkeit war davon wenig übrig. Jeder funktionierte. Zeit war Luxus.

Es ist nicht so toll, wie es von außen aussieht

Als Kind fand ich das alles ziemlich schlimm. Ich wollte an Feiertagen auch einfach nur zu Hause sein, nicht arbeiten, nicht warten. Wenn ich die glücklichen Familien im Restaurant sah, wie sie gemeinsam aßen, lachten, sich Zeit nahmen, war ich oft eifersüchtig. Nicht auf das Essen, sondern auf das Zusammensein.

Natürlich gewöhnt man sich mit der Zeit an vieles. Aber „leicht“ wurde es dadurch nicht.

Viele Menschen glauben, ein eigenes Geschäft zu haben sei etwas Großartiges. Und ja, wenn es richtig gut läuft, kann das stimmen. Dann kann man Verantwortung abgeben, sich Freiräume schaffen. Bei uns war das nicht der Fall. Unser Lokal lief solide, aber nicht so gut, dass man sich Pausen leisten konnte. Faulheit war keine Option. Stillstand auch nicht.

Vorurteile, die nie aufhören

Mit dem Restaurant kamen auch die Vorurteile. Schon früh wurde ich in der Schule gefragt, ob wir Hund oder Katze servieren würden. Oder was wir selbst eigentlich essen. Ob wir „heimlich was anderes“ kochen würden als für die Gäste.

Diese Fragen hörten nie wirklich auf. Und sie waren nie harmlos gemeint. Ich habe früh gelernt, dass man sich rechtfertigen muss – für Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein sollten.

Darüber möchte ich nach und nach noch mehr schreiben. Über den Alltag hinter den Kulissen, über Gäste, über Missverständnisse, über das Leben zwischen Küche, Gastraum und Zuhause.

Denn eines kann ich sicher sagen:
Ein eigenes Lokal zu haben sieht von außen oft ganz anders aus, als es sich von innen anfühlt.

Das könnte dich auch interessieren

15 Kommentare

Avatar-Foto
ophelia 16/10/2013 - 13:06

Ich kann mir gut vorstellen, das es für Dich nicht schön war immer oder sagen wir oft alleine zu sein. Ein Familienleben in dem Sinne konnte ja gar nicht mehr stattfinden und als Kind empfindet man das als ganz besonders schlimm, ist es ja auch, aber was tuen die Eltern nicht alles, um die Familie durch zubringen und die Wünsche zu erfüllen.
Im Nachhinein hast bestimmt auch Du mehr Verständnis für Deine Eltern und die damalige Situation, oder?
Liebe Grüße, Ophelia

Antworten
Avatar-Foto
Ting Ting 17/10/2013 - 13:09

Ja, ich verstehe schon, dass meine Eltern nur das getan haben, was für sie selbst für richtig hielten. Naja, aber trotzdem mochte ich die ganze Situation von damals nicht wirklich. Es war alles nicht schlimm, einfach nur nervig, aber irgendwann gewöhnt man sich halt an allem..

Antworten
Avatar-Foto
Bammy 16/10/2013 - 19:11

Meine Eltern haben eine Gaststätte und ich weiß wie es ist… Ich plaudere aber hier weniger ausm Nähkästchen, sondern schreib dir diesbezüglich mal eine Mail ;)

Ich kann nur sagen, dass ich schon etwas verstehe was du empfindest! :)

Liebe Grüße,
Bammü

Antworten
Avatar-Foto
Ting Ting 17/10/2013 - 13:10

Vielen Dank für deine Mail :)
Ich werde sie dir später noch beantworten ^^

Antworten
Avatar-Foto
Amaya Yume 17/10/2013 - 08:55

Das klingt wirklich total schrecklich. Ein Bekannter von mir hat auch ein eigenes Restaurant, ich glaube er hat es von seinem Vater übernommen (oder der Vater arbeitet noch da, so genau bin ich nicht informiert). Auf jeden Fall wird mein Bekannter fast täglich von seinem Vater angeschrien, dass er sich mehr Mühe geben solle etc. Das kam mir auch nie wirklich wie ein Traumjob vor. :(

Antworten
Avatar-Foto
Ting Ting 17/10/2013 - 13:12

Ein Traumjob ist das bestimmt nicht…jedenfalls nicht für mich. Ich wusste schon immer, dass, wenn ich mal älter bin, ich bestimmt nicht in der Gastronomie arbeiten will.
Im Hause war ich aber eher das Küken, ich habe noch die meiste Freiheit gehabt. Meine Brüder hatten es da eher schwerer… :/

Antworten
Avatar-Foto
Hans 17/10/2013 - 11:11

Hallo Ting Ting,

schöner Beitrag, den ich auch gut nachvollziehen kann :) Meine bessere Hälfte Mengling betreibt das Restaurant Peking Ente Berlin zusammen mit ihren Eltern. Es hat nur am Heiligabend und am ersten Weihnachtstag geschlossen. Ansonsten wird gearbeitet.

Glücklicherweise helfen uns gute Mitarbeiter in der Küche und im Service, sodass die drei nicht alles alleine machen müssen. So konnten Mengling und ich gestern einen Abend spontan frei machen, weil unser Stammgast Lang Lang uns zur Kinopremiere seines Kinofilms eingeladen hat.

Später am Abend nutzen wir die Gelegenheit, zu einem befreundeten griechischen Restaurant zu gehen. Wir würden dort gerne öfter essen, aber es fehlt die Zeit. So haben wir bis 1 Uhr mit der griechischen Familie (wie Du siehst, wieder Familie) gesprochen. Natürlich überwiegend über das Geschäft und die damit verbundenen persönlichen Einschränkungen.

Wie auch die anderen Leser vor mir geschrieben haben, es ist ein schweres Geschäft mit Einschränkungen, gesetzlichen Bestimmungen und Abhängigkeiten.

Aber: Uns macht es Spaß :))

Viele Chinesen in Westen verdienen ihren Lebensunterhalt in der Gastronomie, weil sie denken, dass sie sonst keine Arbeit finden. Die Eltern von Mengling haben Mathematik und Physik studiert und sich trotzdem vor vielen Jahren entschlossen, ein Restaurant zu eröffnen.

Ich bin gespannt auf die nächsten Teile Deiner Geschichte :)

Hans

Antworten
Avatar-Foto
Ting Ting 17/10/2013 - 13:22

Hallo Hans,
Darf ich mal fragen, ob du auch manchmal dort aushilfst?
Es ist ja schön, dass ihr trotz Restaurant ab und an mal raus könnt :) Wir hatten zwar auch mitarbeiter, aber trotzdem konnte man nur selten raus, bzw. erst nach 23Uhr..wenn dann denn noch irgendetwas auf hatte.

Wenn es euch Spaß macht, ist es ja die Hauptsache : ) Für mich stand immer klar, dass ich später kein Restaurant haben will…zumindest nicht so, wie es meine Eltern geleitet haben.

„Viele Chinesen in Westen verdienen ihren Lebensunterhalt in der Gastronomie, weil sie denken, dass sie sonst keine Arbeit finden“
Da gebe ich dir vollkommen Recht, meine Eltern denken auch so..und erwarten eigentlich auch von mir, dass ich doch irgendwann mal anfange eine „Gastronomie-Karriere“ anzufangen.

Die Eltern von deiner besseren Hälfte haben aber doch wirklich schwierige Fächer studiert. Eigentlich doch schade drum…aber naja, wenn sie mit dem Restaurant auch glücklich sind, dann ist ja alles andere egal ^^^

Ich habe mich sehr über deinen ausführlichen Kommentar gefreut, danke :)

Antworten
Avatar-Foto
Hans 18/10/2013 - 13:54

Hallo Ting Ting,

nein, ich helfe dort nicht aus :) Die Köche kommen alle aus China und ich spreche kein chinesisch. Außerdem passe ich rein optisch nicht in ein Restaurant für chinesische Spezialitäten :) Meine Nase ist zu lang :) Dafür mache ich das Marketing im Hintergrund.

Jemand wie Du, die deutsch und chinesisch spricht, sich ausdrücken kann (wie man ja auf Deinem Blog lesen kann), und beide Kulturen kennt, könnte gut etwas „inter-kulturelles“ tun. Derzeit überlegen wir mit einem deutschen Unternehmensberater, der fließend chinesisch spricht und zwischen deutschen und chinesischen Unternehmen vermittelt, ein Seminar zu entwickeln für „Benimm-Regeln für Deutsche in China“.

Du könntest ähnliches machen für „Chinesen in Deutschland“ :)

– Hans

Antworten
Avatar-Foto
Ting Ting 20/10/2013 - 16:45

Es sähe doch bestimmt lustig aus, wenn ein deutscher im China-Restaurant serviert, hehe ^^

Klingt ja interessant, was ihr da vorhabt. Ich wünsche euch viel Erfolg dabei : )
Und danke für den Tipp, ich werd mal sehen, ob ich etwas daraus machen kann ^^

Antworten
Avatar-Foto
Maricel 22/11/2013 - 11:40

Hallo Ting Ting !
Das ist ätzend, wenn man als Kind so wenig von seinen Eltern hat.
Du hast das ja gut „überstanden“, ich denke, kein einziger freier
Tag ist auch für deine Eltern schwer gewesen, da muss man schon gut zusammenhalten können und psychisch stabil sein.
Man sagt ja den Asiaten nach, dass sie unheimlich ehrgeizig sind.
Das hilft bestimmt auch.
LG Maricel

Antworten
Avatar-Foto
Lisa Gross 18/10/2014 - 21:50

Hallo Ting Ting ich habe eine Frage : Ich liebe China und die Chinesen und werde sehr warscheinlich nach China ziehen wenn ich gross bin. Aber haben die Chinesen auch ausländische Frauen gern? Ich bin 170 cm gross,dünn und mein BMI beträgt 16,76 ich wachse schon lange nicht mehr und werde meine Massen behalten.Ach ja und ich bin Schweizerin.lg Lisa

Antworten
Avatar-Foto
Ting Ting 18/10/2014 - 22:29

Hallo Lisa,
also ich kenne auch einige Chinesen, die ausländische Frauen haben. Wieso auch nicht… In den Großstädten Chinas sind Ausländer ja auch keine Seltenheit mehr. Ich glaube sogar, dass viele Ausländer besonders gern haben. Es kommt aber natürlich auf den Charakter eines einzelnen an.

Falls du Sorgen hast, dass du zu groß bist, es gibt auch durchaus groß gewachsene Männer hier und 1.70 für eine Frau passt doch. Ich wär gern noch einige cm größer *g*

Antworten
Avatar-Foto
Wenxi 11/07/2015 - 21:27

Hey Ting Ting,
ich bin gerade zufällig auf deinem Blog gelandet.
Als ich diesen Bericht von dir durchlas bekam ich ein Schrecken, denn
für dich ist es endlich vorbei so zu leben, doch ich stecke noch 5 Jahre darin! Ich bin Wenxi, 13 Jahre alt und auch Chinese.
Meine Eltern betreiben ein großes China Restauraunt, was immer geöffnet hat, Sonntags und auch an Feiertagen wie Ostern, Weihnachten etc. Das Restauraunt öffnet erst um 11 Uhr und schließt gegen 23 Uhr Abends. Wie auch bei dir kann ich mich nicht an den passenden Essenszeiten halten, da ich zu den Zeiten in der Schule bin oder Abends schon im Bett liege.
Es ist SCHRECKLICK so zu leben, einfach nur SCHRECKLICH!!!
Mein jetziges Leben ist fast genauso gleich wie deins früher.
Wie konntest du diese Zeit überstehen?
Würde mich über eine Antwort wirklich sehr sehr freuen!

Antworten
Avatar-Foto
Ting Ting 14/07/2015 - 18:38

Hallo Wenxi,
kann dich nur zu gut verstehen…
Hast du denn noch Geschwister? Und können deine Eltern deutsch? Meine Eltern konnten damals (und auch heute noch) kein Deutsch. Schulischen kram musste ich von daher früher auch oft selbt erledigen. Zum Elternsprechtag kam auch nie jemand bei mir. Ich habe mit meinen Eltern leider auch nicht so ein enges Verhältnis, da die nur chinesisch sprachen und ich hauptsächlich nur Deutsch. Da kam die sprachliche Barriere noch. Weil die halt kaum Zeit für mich hatten, habe ich von denen nie richtig chinesisch gelernt.
Musst du auch schon oft im Laden aushelfen?
Naja, irgendwie übersteht man das halt… ich hatte auch noch 2 Brüder, die zwar beide über 10 Jahre älter wie ich sind, aber das hat auch etwas geholfen…
Wie ist das Verhältnis denn zu deinen Eltern? Vielleicht kannst du mal mit denen darüber sprechen? Und wie alt sind die? Wie lange schon in Deutschland?
Meine Eltern haben ja eine sehr traditionelle Denkweise..

Antworten

Hinterlasse einen Kommentar

* Mit der Nutzung dieses Formulars erklären Sie sich mit der Speicherung und Verarbeitung Ihrer Daten durch diese Website einverstanden.

Adblock erkannt

Bitte unterstützen Sie uns, indem Sie die AdBlocker-Erweiterung Ihres Browsers für unsere Website deaktivieren.