Letzten Sommer bekam ich ein Tier geschenkt, das nie hätte verschenkt werden dürfen.
Ein kleines, graubraunes Küken mit schwarzem Schnabel und viel zu großen Füßen. Erst war ich unsicher, ob es wirklich ein Schwan war – aber es sah weder wie eine Ente noch wie eine Gans aus. Später wurde mir klar: Es war sehr wahrscheinlich ein Schwanenküken. Und es war gerade einmal sieben Tage alt.
Woher kam es?
Das Küken wurde nicht gefunden.
Es wurde aus einem Nest genommen.
Eine Bekannte brachte es mit. Sie hatte es wiederum von jemand anderem. Am Ende stellte sich heraus: Es war schlichtweg „mitgenommen“ worden. Einfach so.
Ich fand das schlimm.
Aber in dem Moment war es bereits bei mir.
Und da steht man dann, mit einem winzigen Lebewesen in der Hand – und kann die Situation nicht mehr rückgängig machen.
Zwischen Süße und Überforderung
Natürlich war es süß. Unglaublich süß sogar.
Es lief mir hinterher, quietschte panisch, sobald ich außer Sichtweite war, und schlief irgendwann erschöpft neben meinem Fuß ein.
Es suchte Nähe. Wärme. Sicherheit.
Doch mit jeder Stunde wurde mir klar:
Ich wusste nichts über Schwäne.
Was fressen sie?
Wie viel Wärme brauchen sie?
Wie schnell wachsen sie?
Darf man so ein Tier überhaupt halten?
Ich googelte hektisch alles, was ich finden konnte. Vieles war widersprüchlich. Manche schrieben von speziellem Futter, andere von Grünzeug, wieder andere von tierischem Eiweiß. Nichts davon hatte ich im Haus.
Ich improvisierte. Und genau das fühlte sich falsch an.
Schlaflose Nächte
Im Internet las ich, dass so junge Küken sehr viel Wärme benötigen. Also bereitete ich einen Korb mit Handtüchern vor. Aber sobald es mich nicht mehr sehen konnte, sprang es panisch dagegen und quietschte.
Es war kein „Haustier“-Quietschen.
Es war ein verzweifeltes Rufen.
Am Ende saß ich auf dem Boden neben dem Korb und ließ meine Hand bei ihm, damit es einschlafen konnte.
Drei Nächte lang.
Ich schlief halb auf dem Boden, halb wach. Ich traute mich kaum, die Hand wegzuziehen. Und tagsüber lief ich dem Küken hinterher, wischte hinter ihm her und versuchte, alles richtig zu machen – ohne zu wissen, was richtig ist.
Ich war müde, überfordert – und hatte ständig das Gefühl, dem Tier nicht gerecht zu werden.
Was sollte ich tun?
In China ist der Umgang mit Tieren teilweise anders organisiert als in Deutschland. Auffangstationen für Wildtiere sind nicht überall leicht zugänglich oder bekannt. Vieles läuft informell über Bekannte oder private Kontakte. Genau das machte die Situation für mich so schwierig.
Schließlich nahm die Bekannte das Küken wieder mit. Sie sagte, jemand mit Garten und Teich würde sich kümmern. Außerdem habe diese Person Erfahrung mit Geflügel.
Ich wollte glauben, dass es dort besser aufgehoben ist.
Vielleicht wollte ich es auch glauben, weil ich selbst merkte, dass ich an meine Grenzen kam.
Zwei Monate später erfuhr ich zufällig, dass das Küken längst gestorben war.
Was bleibt
Es war nur drei Tage bei mir.
Und trotzdem denke ich bis heute daran.
Nicht mit dramatischer Reue.
Aber mit dem klaren Gefühl, dass diese Situation nie hätte entstehen dürfen.
Wildtiere sind keine Geschenke.
Sie gehören nicht in Wohnungen, nicht in Körbe, nicht in improvisierte Lösungen.
Damals war ich vor allem überfordert. Heute bin ich vor allem wütend darüber, wie leichtfertig man ein Leben aus einem Nest nimmt, ohne über die Konsequenzen nachzudenken.
Ein sieben Tage altes Schwanenküken gehört zu seinen Eltern. Nicht zu Menschen.

5 Kommentare
Hallo Ting, Ting,
ich habe mit Interesse Ihren Artikel gelesen.
Hier in Reutlingen wurden diese Woche 4, 3 Tage alte Schwanenküken der Schwanenmutter einfach weggenommen, in einer Nacht- und Nebelaktion. Wir sind alle sehr, sehr traurig, vor allem die Schwanenmutter hat einen ganzen Tag nach ihren Kindern gejammert.
Mir ist schon klar. daß da Asiaten dahinter stecken, denn letztes Jahr wurden 5 Eier, die fast ausgebrütet waren, aus dem Nest geklaut. Ich bin nun sehr am Überlegen, ob ich einen kleinen Verein gründen soll, der sich, wenn die Schwänin wieder brütet darum kümmet, daß es im Jahre 2014 gut geht.
Mich würde interessieren, was die Chinesen mit den größer werdenden Schwanenküken machen, werden die gegessen?
Auf jeden Fall bin und viele meiner Mitbürger sehr traurig, daß es in diesem Jahr wieder keine kleinen Schwäne gibt. Es ist einfach eine Frechheit, der Mutter ihre kleinen Küken zu klauen. Das müssen wahrscheinlich mindestens 3 Personen gewesen sein, denn es mussten ja zwei ausgewachsene Schwäne in Schach gehalten werden.
Viele herzliche Grüße nach China
Eleonore Reicherter
Hallo Eleonore,
deine Nachricht hat mich gerade sehr traurig gemacht. Kann man denn nichts dagegen tun? Polizei anrufen oder eine Organisation…ich denke in Deutschland geht man strenger voran, als in China oder? In China konnte ich leider nichts tun.
Ich finde deine Idee mit dem Verein toll und lieb, aber sowas ist auch anstrengend. Am Besten wäre es natürlich wenn man heraus finden könnte, wer solch schreckliches tut.
Zu deiner Frage, ich denke mal es gibt 2 Möglichkeiten, was die mit den Schwänen tun:
1. Wie du leider selbst schon richtig angedeutet hast, werden die später, wenn sie groß genug sind gegessen.
oder
2. Es waren junge Leute..und wollten die süßen Küken einfach als Haustier haben. Das war in meinem Fall so, sie fand das Küken einfach süß. Aber ich denke(vielleicht), wenn sie irgendwann keine Lust mehr haben, sich um den Schwan zu kümmern, werden sie auch gegessen. Das war so mit der Hühnerbesitzerin in China. Sie wollte eigentlich nur ein Huhn haben als Haustier, als sie aber dann keine Lust mehr darauf hatte, und das Huhn zu nervig wurde, landete es im Kochtopf….
Für die Meisten Chinesen sind Tiere(nicht alle Tiere) leider nur Lebensmittel. Ich habe mich in meinem Blog auch mal mit der Frage beschaeftigt, warum die Chinesen denn alles essen, ich glaube da wird einem auch ganz klar, dass die Chinesen einfach eine ganz andere Kultur haben, wie Deutsche.
Leider kann ich dir keine erfreulichere Nachricht geben, wenns denn wirklich Chinesen waren, die die Schwäne geklaut haben, dann ist die Wahrscheinlichkeit nicht gering, dass sie irgendwann als Gericht auf dem Tisch landen. Leider….
Hallo Ting Ting,
ich persönlich finde es schöner, wenn die Küken in der Natur bei ihrer Mutter aufwachsen könne, so wie hier http://www.myheimat.de/bad-wildungen/natur/nachwuchs-d2521565.html
Ist schon echt eine doofe Aktion, so ein Kücken aus einem Nest zu klauen. Aber du konntest ja nichts dafür. Schön, dass du dich aber trotzdem so schön um das kleine gekümmert hast.
Wünsche dir und dem Federkneul alles Gute, Tessa
Hallo Tessa,
ich finds natuerlich auch besser, wenn wilde Tiere auch wirklich in der Wildnis leben koennen. Man sollte Kueken oder auch andere Tiere nicht von deren gewohnten Umgebung reissen.
Ich habe mir grad die Seite angeschaut, schoene Bilder und so sollte es auch sein :)
Danke fuer deine Wuensche……..aber wie ich im Artikel schon geschrieben habe, ist das Schwanenbaby leider schon lange tot….
Oh gott, das hört sich ja traurig an. Ich mein, es zerbricht mir ja schon manchmal das Herz wenn meine Katze herumjammert und man ihr nicht helfen kann.
Bei dem Küken war es ja dann bestimmt nicht anders =( Och..