Internet im Alltag in China – persönliche Erfahrungen mit Online-Sichtbarkeit

by Avatar-FotoTing Ting
Veröffentlicht: Aktualisiert: 8,6K Aufrufe 4 Minuten Lesezeit

Wenn man für längere Zeit nach China geht, denkt man über das Internet zunächst kaum nach. Man möchte erreichbar bleiben, Dinge teilen, vielleicht eine eigene Website pflegen oder Inhalte über Social Media veröffentlichen, im Grunde einfach so weitermachen wie vorher. Familie und Freunde in der Heimat sollen mitbekommen, was man erlebt. Klingt einfach. Ist es aber nicht.

Das merkt man nicht sofort. Am Anfang funktioniert scheinbar alles. WLAN ist da, mobiles Internet auch. Apps lassen sich installieren, Seiten laden. Erst nach und nach schleichen sich kleine Momente ein, in denen man merkt, dass hier etwas anders läuft.


Wenn man merkt, dass das Internet nicht einfach „spinnt“

Bei mir waren es keine großen Aha-Momente, sondern viele Kleinigkeiten. Ich wollte etwas nachschauen – Seite lädt nicht. Ich wollte jemandem schreiben – App öffnet sich gar nicht. Ich habe aktualisiert, neu gestartet, gewartet. Irgendwann wurde klar: Das liegt nicht an meiner Verbindung.

Viele westliche Dienste und Plattformen sind in China gesperrt oder nur eingeschränkt erreichbar. Das ist der Hintergrund. Aber im Alltag fühlt sich das erstmal nicht nach Politik oder Zensur an, sondern einfach nach Stillstand. Man sitzt da und kommt nicht weiter.


Der Versuch, ohne VPN auszukommen

Als ich angefangen habe, online aktiv zu sein, war mir relativ schnell klar, dass ich eigentlich ohne VPN (Virtual Private Network)  arbeiten wollte. Nicht aus Prinzip, sondern aus Erfahrung. VPNs haben mein Internet massiv ausgebremst. Ich hatte ohnehin einen günstigen Anbieter mit eher langsamer Verbindung – mit VPN war es teilweise kaum noch nutzbar.

Bilder hochladen war mühsam, größere Inhalte eine Geduldsprobe. Nach kurzer Zeit war klar: So macht das keinen Spaß. Also habe ich vieles ausprobiert und versucht, Wege zu finden, ohne VPN auszukommen.


Wenn man selbst Zugriff hat, andere aber nicht

Irgendwann findet man Lösungen. Man kommt wieder an Inhalte, kann Dinge posten oder aktualisieren. Und genau hier zeigt sich das eigentliche Problem, über das man vorher kaum nachdenkt.

Besonders deutlich wird das bei Social Media. Dienste wie Instagram, YouTube oder WhatsApp gehören für viele außerhalb Chinas ganz selbstverständlich dazu. Hier lassen sie sich oft gar nicht erst öffnen. Chinesische Plattformen funktionieren zwar problemlos, sind schnell und alltagstauglich – aber eben fast ausschließlich innerhalb Chinas. Damit steht man automatisch zwischen zwei Welten.

Denn selbst wenn ich Zugriff habe, heißt das noch lange nicht, dass andere ihn auch haben. Viele Menschen in China nutzen kein VPN. Nicht, weil sie es nicht kennen, sondern weil sie es für ihren Alltag schlicht nicht brauchen. Alles Wichtige funktioniert für sie über chinesische Apps und Plattformen.

Das bedeutet: Nutzt man westliche Plattformen oder Webseiten, schließt man viele Menschen in China automatisch aus. Freunde, Kollegen oder Bekannte können die Inhalte nicht aufrufen – selbst wenn sie wollten.


Das gleiche Problem – nur andersherum

Weicht man auf chinesische Plattformen aus, kehrt sich die Situation um. Innerhalb Chinas ist man plötzlich sichtbar, bekommt Rückmeldungen und Reichweite. Aber außerhalb Chinas sieht es oft ganz anders aus. Für viele Menschen im Westen sind diese Plattformen fremd, unbequem oder schlicht irrelevant im Alltag.

Man erreicht also wieder nur einen Teil der Menschen. Nur eben einen anderen.


Zwei Internetwelten, die nebeneinander existieren

Mit der Zeit versteht man, dass es nicht um Technik geht. Es geht um zwei Internetwelten, die parallel existieren und sich kaum überschneiden. Man kann zwischen ihnen wechseln, ja. Aber man kann sie nicht zusammenführen.

Ein VPN löst dieses Problem nicht. Es hilft mir persönlich, Dinge aufzurufen oder hochzuladen. Aber es hilft nicht den Menschen, die diese Inhalte sehen sollen. Der Engpass liegt nicht bei mir, sondern bei den anderen.


Was das im Alltag verändert

Das verändert den eigenen Umgang mit Online-Sichtbarkeit deutlich. Man überlegt genauer, für wen Inhalte gedacht sind. Man erklärt häufiger, warum etwas nicht funktioniert. Und man akzeptiert irgendwann, dass Reichweite in China immer relativ ist.

Online aktiv zu sein scheitert hier selten an Motivation oder Kreativität. Es scheitert daran, dass man unbewusst davon ausgeht, es gäbe nur ein Internet. Diese Annahme hält in China nicht lange.

Das könnte dich auch interessieren

Hinterlasse einen Kommentar

* Mit der Nutzung dieses Formulars erklären Sie sich mit der Speicherung und Verarbeitung Ihrer Daten durch diese Website einverstanden.

Adblock erkannt

Bitte unterstützen Sie uns, indem Sie die AdBlocker-Erweiterung Ihres Browsers für unsere Website deaktivieren.