Die Schattenseiten des chinesischen Neujahrs – wenn das Frühlingsfest zur Belastung wird

by Avatar-FotoTing Ting
Veröffentlicht: Aktualisiert: 7,K Aufrufe 5 Minuten Lesezeit

Eigentlich gilt das chinesische Neujahr, auch Frühlingsfest genannt, als das wichtigste und herzlichste Fest des Jahres. Es ist die Zeit, in der Familien zusammenkommen, gemeinsam essen und das alte Jahr verabschieden. Doch so viel Nähe bringt nicht nur Freude mit sich. Für viele Menschen ist diese Zeit auch mit Stress, Konflikten und enormem Druck verbunden.

Ich habe das Frühlingsfest mehrfach in China erlebt und neben all den festlichen Momenten auch die Seiten kennengelernt, über die weniger gesprochen wird.

Chunyun – die größte Reisewelle der Welt

Rund um das Frühlingsfest beginnt jedes Jahr die sogenannte Chunyun-Phase. Sie beschreibt den Zeitraum, in dem Millionen von Menschen gleichzeitig in ihre Heimatorte reisen. Besonders betroffen sind große Städte, in denen viele Wanderarbeiter leben und arbeiten.

Zugtickets sind oft Wochen im Voraus ausverkauft. Wer zu spät bucht, hat schlechte Karten. Spontane Reisen sind praktisch unmöglich. Auch Busse und Flüge sind stark ausgelastet. Viele Menschen weichen deshalb auf lange Autofahrten aus, was zu stundenlangen Staus auf Autobahnen führt.

Reisen zum Frühlingsfest bedeutet für viele: Geduld, Improvisation und Nervenstärke.


Tickets mit Namen – und warum Fehler teuer werden

In China sind Bahntickets personalisiert. Name und Ausweisnummer sind fest auf dem Ticket hinterlegt. Das verhindert Schwarzhandel, sorgt aber auch für Probleme. Schon ein kleiner Fehler bei der Eingabe kann bedeuten, dass man nicht reisen darf – Rückerstattung ausgeschlossen.

Ich habe selbst erlebt, wie ein falsch eingetragener Pass dazu führte, dass ein vollständig bezahltes Ticket unbrauchbar wurde. Diskussionen halfen nicht. Regeln sind Regeln.

Familienzusammenkunft – und familiärer Druck

Zum Frühlingsfest kehrt man nach Hause zurück. Das ist Tradition. Mehrere Generationen sitzen an einem Tisch, essen gemeinsam und holen nach, was im Alltag oft zu kurz kommt.

Doch genau hier entsteht auch Druck. Besonders für Singles, junge Erwachsene und frisch Verheiratete. Fragen nach Job, Einkommen, Beziehung oder Kindern gehören für viele fest zum Pflichtprogramm.

  • „Hast du schon eine feste Arbeit?“
  • „Wann heiratet ihr endlich?“
  • „Wann kommen die Kinder?“

Was gut gemeint ist, fühlt sich nicht immer gut an.

Wenn das Frühlingsfest Beziehungen belastet

Ein klassisches Konfliktthema ist die Frage: Zu welcher Familie fährt man? Zur eigenen oder zu den Schwiegereltern? Was banal klingt, kann schnell zu ernsthaften Spannungen führen.

In manchen Fällen eskalieren diese Konflikte so stark, dass Paare sich trennen – nicht während der Feiertage, sondern direkt danach, wenn der Alltag wieder beginnt.

„Rent a Boyfriend“ – ein reales Phänomen

Der gesellschaftliche Druck ist so hoch, dass sich manche Singles für die Feiertage einen Partner mieten. Nicht aus romantischen Gründen, sondern um den unangenehmen Fragen der Verwandtschaft auszuweichen.

Es geht dabei nicht um Nähe oder Beziehung, sondern um das äußere Bild. Hauptsache, man erscheint nicht allein.

Überfüllte Restaurants und extreme Preise

Während des Frühlingsfestes steigen in vielen Städten die Preise. Restaurants sind überfüllt, Wartezeiten von mehreren Stunden sind keine Seltenheit. Besonders bekannte Lokale werden regelrecht zu Pilgerorten.

Gleichzeitig kommt es immer wieder zu Berichten über überzogene Preise. Ein gemeinsames Familienessen kann schnell sehr teuer werden – doch Sparsamkeit gilt in dieser Zeit als unangebracht.


Fazit: Zwischen Tradition und Realität

Das Frühlingsfest ist tief in der chinesischen Kultur verwurzelt. Es steht für Familie, Zusammenhalt und Neubeginn. Gleichzeitig bringt es Herausforderungen mit sich, die im Ausland oft kaum wahrgenommen werden.

Für mich ist das chinesische Neujahr deshalb beides: ein emotionales Fest – und eine Zeit, die Kraft kostet.

Wenn du wissen möchtest, wie das Frühlingsfest im Alltag gefeiert wird und welche Rituale dazugehören, findest du hier eine ausführliche Übersicht:
Wie Chinesen das Frühlingsfest verbringen

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9 Kommentare

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Franzy vom Schlüssel zum Glück 23/02/2016 - 00:01

Das ist ja total irre!
also klar.. an Weihnachten herrscht ja auch Ausnahmezustand in Deutschland:
Familien besuchen, volle Autobahnen, teures essen in Restaurants, unangenehme Fragen der Verwandten.
Aber das ist ja richtig irre in China.. kein Vergleich zu Deutschland.
der Wahnsinn.!

Viele liebe Grüße

Franzy

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Ragnar 23/02/2016 - 06:42

Hi Ting Ting,
danke für die ausführlichen Schilderungen. Ich hoffe, Du hattest trotz allem das Fest auch ein wenig genossen?!

Was ich mich aber frage, wie können 2.9 Milliarden Menschen reisen? Sind hier mehrere Fahrten pro Person gezählt?

Liebe Grüße,
Ragnar

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Ting Ting 23/02/2016 - 07:50

Hallo Ragnar,
ja, bei uns war es dieses Jahr ruhig, da wir in Ningbo geblieben sind.

Die Chunyun Periode läuft 40Tage lang. Dieses Jahr vom 24. Januar bis zum 3. März. Also dauert sogar noch etwas an. Und ja, es werden mehrere Fahrten pro Person berechnet. Sonst ginge das ja gar nicht. Das habe ich vergessen im Text zu erwähnen, sorry^^

Die Zahl von 2,9Milliarden ist bis jetzt nur eine Schätzung. Quelle: http://hamburg.china-consulate.org/det/gnxw/t1327794.htm

Vom 7,02-14,02, also den 7tägigen Feiertagen in China, waren nur 400 Millionen reisende unterwegs. Davon gingen etwa 8 Millionen ins Ausland.
Quelle: http://english.anhuinews.com/system/2016/02/16/007219017.shtml

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Ragnar 23/02/2016 - 17:47

Danke, liebe Ting Ting!

Ach, wenn es sich auf so viele Tage verteilt, sind im Schnitt täglich ja nur so ungefähr 80 Millionen (=alle Deutsche) unterwegs! ;-)

LG Ragnar

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Nadya 25/02/2016 - 03:03

Zugfahrkarten überhaupt zu kaufen dürfte doch auch spannend sein, oder? Ich weiß noch, dass ich selbst online, fünf Minuten nachdem die Fahrkarten freigeschaltet waren, nur noch Sitzplätze buchen konnte – nicht ganz so angenehm bei 26h Fahrt. Immerhin musste ich nicht stehen :-)

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Dani 12/01/2020 - 17:12

Haha wir waren letztes Jahr beim Mondfest in Beijing (in der Forbidden City) haha, ich liebe es. So viele Menschen, so viele Kontrollen. Meine Frau (auch TingTing) hasst es, sie hat 27 Jahre in Shanghai gelebt und genießt nun Wien – Umgebung.

Wir werden dieses Jahr mit Huo Guo feiern, unser Baby lässt leider den Flug nach Shanghai nicht zu. :)

Aber insgesamt find ich das reisen, U-Bahn fahren etc. nun auch nicht so viel dramatischer als zu gut besuchten Zeiten in Wien oder London.

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Angelika Kreuzberger 12/12/2020 - 00:11

Hallo Ting Ting,
ich bin auf der Suche nach einer bestimmten chinesischen Feier zufällig auf deine Seite gestoßen. Ich habe nämlich gehört, die Chinesen würden ein Fest zum Vergessen des alten Jahres feiern. Weißt du etwas darüber? Dieses Jahr sollten wir vielleicht alle mitfeiern.

Liebe Grüße
Anschi

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Ting Ting 13/12/2020 - 13:57

Hallo Angelika,
da bin ich auch etwas überfragt, ob es so ein Fest gibt. Am sechsten Tag des Frühlingsfestes werfen Menschen normalerweise alte Kleider, Müll und andere schmutzige Objekte weg, um die Armut der Vergangenheit zu vertreiben und neue erfolgreiche Tage für das kommende Jahr willkommen zu heißen. Allgemein hat das Frühlingsfest eigentlich schon so eine Meinung.

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Kathleen 20/03/2021 - 21:26

Oh ja, die Zugfahrten sind der reinste Wahnsinn! Kann mich an eine 17-stündige Fahrt erinnern, von denen die zwei Stunden mit Stehplätzen fast noch die gemütlichsten waren. Drei Personen saßen auf den Plätzen für zwei, das Gepäck stapelte sich bis zur Decke, man konnte sich nicht mehr bewegen, geschweige denn zur Toilette oder Wasserspender, einige haben sich übergeben und manche sogar im stehen geschlafen! Umkippen ging ja gar nicht, weil da Gepäckstücke und andere Menschen waren.

lol, was den Zoff in der Familie angeht und die unangenehmen Fragen der Verwandtschaft – das erinnert dann doch wieder sehr an Weihnachten. Das Fest der Liebe und Harmonie… Kaum ein Feiertag, an dem es mehr Krach gibt. Ob es um die Deko, die Organisation an sich, die Unterbringung der Gäste, das Essen oder die Geschenke geht.
Und für die Fragen hätte ich auch schon manches Mal ganz gerne ein Alibi gehabt.
Ich fürchte, da sind sich Familien überall auf der Welt ziemlich ähnlich. Menschen sind einfach gut darin, sich selber gegenseitig (unnötig) das Leben schwer zu machen.

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