Ich habe eine kleine Schwäche für traditionelle Kleidung. Und dazu gehören für mich auch Schuluniformen. Nicht aus Nostalgie, sondern weil sie oft viel darüber erzählen, wie eine Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit gedacht, gelebt und erzogen hat.
Die chinesische Schuluniform sah allerdings nicht immer so aus, wie wir sie heute kennen. In den letzten gut hundert Jahren hat sie sich mehrfach stark verändert, abhängig von Politik, Ideologie, Krieg, Öffnung und ganz praktischen Alltagsfragen. Ein Blick zurück.

Chinesische Schuluniform um 1910
Um 1910 waren Schuluniformen noch stark von traditionellen chinesischen Kleidungsformen geprägt. Lange Schnitte, hochgeschlossene Oberteile, wenig Variation. Auch Frisuren wirkten sehr einheitlich.Die Kleidung sollte Ordnung, Disziplin und Bildung symbolisieren. Sie war weniger modisch, dafür würdevoll. Individualität spielte kaum eine Rolle.

Die 1920er–1930er Jahre: Moderne Einflüsse
In den 1920er und 1930er Jahren änderte sich das Bild deutlich, vor allem in den Städten. China befand sich in einer Phase der Modernisierung und Öffnung.Mädchen trugen häufig schlichte, qipao-ähnliche Kleider, knielang und alltagstauglich. Jungen erschienen oft in Hemden und Stoffhosen, teils bereits im westlichen Stil. Diese Zeit war vergleichsweise modisch und individuell – zumindest im Vergleich zu den Jahrzehnten danach.
Die 1940er: Krieg und Zweckmäßigkeit
In den 1940er-Jahren gab es in China kaum einheitliche Schuluniformen. Bedingt durch Krieg, Armut und politische Unruhe trugen Schüler meist schlichte Alltagskleidung. Auf Fotos sieht man häufig weiße oder helle Hemden, kombiniert mit hellen Hosen oder Röcken. Diese Kleidung war nicht offiziell vorgeschrieben, sondern praktisch und leicht verfügbar. Einheitlichkeit entstand eher aus Mangel und Funktionalität als aus einem festen Uniformsystem.
Die 1950er: Gleichheit statt Mode
Nach der Gründung der Volksrepublik China wurden Schuluniformen wieder systematischer eingeführt. Der Fokus lag nun klar auf Gleichheit.Typisch waren weiße Hemden oder Blusen kombiniert mit dunklen Hosen oder Röcken. Die Kleidung sollte nicht auffallen, sondern soziale Unterschiede unsichtbar machen. Persönlicher Stil spielte kaum eine Rolle.
Die 1960er–1970er: Schuluniform während der Kulturrevolution
In den 1960er und 1970er Jahren verschwanden klassische Schuluniformen fast vollständig. Während der Kulturrevolution trugen Schüler meist grüne, graue oder blaue Kleidung, die stark an militärische oder arbeiternahe Uniformen erinnerte.Rote Halstücher waren verbreitet, Schnitte schlicht, Farben politisch aufgeladen. Kleidung hatte eine klare ideologische Funktion: Anpassung, Kollektiv, Disziplin. Individualität war nicht nur unerwünscht, sondern riskant.
Die 1980er: Übergang und neue Einflüsse
In den 1980er Jahren tauchten wieder unterschiedliche Uniformstile auf. Besonders bekannt ist die blau-weiße Schuluniform, die viele bis heute mit China verbinden. Sie erinnert an Uniformen aus anderen sozialistischen Ländern.
Daneben gab es auch Modelle, die stark an japanische Schuluniform erinnerten, vor allem bei Mädchen. Diese Phase zeigt gut, wie China sich langsam wieder äußeren Einflüssen öffnete.
Chinesische Schuluniform heute
Seit den 1990er Jahren dominieren Trainingsanzug-ähnliche Schuluniformen den Schulalltag. Locker geschnitten, bequem, pflegeleicht. Ästhetisch umstritten, aber praktisch.
Ich persönlich finde es schade, dass viele der früheren, individuelleren Designs verschwunden sind. Aus Sicht der Schulen ist die Entscheidung jedoch nachvollziehbar: Die Kleidung ist günstig, funktional und lenkt möglichst wenig vom Unterricht ab.
Heute geht es weniger um Mode, sondern um Gleichheit und Alltagstauglichkeit.
Warum Schuluniformen in China bis heute wichtig sind
Schuluniformen stehen in China bis heute für Ordnung und Chancengleichheit. Unterschiede im sozialen Hintergrund sollen im Klassenzimmer möglichst keine Rolle spielen. Ob das immer funktioniert, ist eine andere Frage. Aber die Grundidee ist tief im Bildungssystem verankert.
Fazit
Die chinesische Schuluniform ist kein statisches Kleidungsstück, sondern ein Spiegel der jeweiligen Zeit. Von traditionell über politisch geprägt bis hin zu funktional, jede Epoche hat ihre Spuren hinterlassen.

13 Kommentare
Cool, sehr interessant. So im direkten Vergleich gefallen mir die Uniformen von früher deutlich besser, als die aktuelleren. Die Militäruniformen und die von 1990+ gefallen mir am wenigsten.
Also ich finde die Uniformen von 1910 sehr hübsch!!
Das Qipao gefällt mir auch irrsinnig gut und ich denke ich muss dir recht geben: die meisten Leute stellen sich Chinesen, wenn man vom „traditionellen Look“ spricht, eher in sowas vor!
Die Schuluniform, welche in den 90ern eingeführt wurde, finde ich etwas… enttäuschend, ums mal so zu sagen.. .. =|
Sieht mehr aus wie ein billger Trainingsanzug… … Schade eigentlich! =|
Aber vielleicht kommt man ja bald auf die „ältere Mode“ zurück?
Interessant!
Die letzte ist wohl mal hässlich. :l
Tut mir leid, ich kann alles was Trainingsanzüge, und alles was im optischen Stil nur in die Nähe davon kommt, nicht leiden.
Der Rest ist wirklich passabel und schön anzusehen, finde es, wie du gesagt hast, sehr schade. :c
1990 + ist hässlich, noch schlimmer sind die Mao-Uniformen.
Wahrscheinlich gab es militärischen Unterricht.
Mao-Bibeln waren auch in D damals populär.
Aww, bin zufällig über blog-connect auf dein Blog gestoßen. Der ist ja süß und super interessant zu gleich :)~ Hatte vor Jahren mal ein Auslandssemester in China gemacht und vermisse mittlerweile das Land total, umso cooler find ich, dass du darüber blogst! Hast jetzt einen Follower mehr :)
Ich wusste gar nicht dass so Qipao-ähnliche Kleidung auch Schuluniformen waren :O
Am hübschesten find ich 1910,1920~30, 1980
LG, Jen
Project JBN
Hey, Danke für die Übersicht. Ich habe mich auch schon gefragt, warum Korea und Japan „richtige“ Schuluniformen haben während die chinesischen Kinder nur Traininganzüge trage. Ob Karl Lagerfeld das weiß? Wenn ja wird er China wohl nie besuchen… :D Ich wusste nicht, dass es auch mal andere Uniformen gab‘. Ich dachte, es liegt vielleicht am Geld da die Bevölkerung in weiten Teilen sehr arm ist und Jogginganzüge vllt. billiger sind. Ich hoffe mal dass China das bald wieder ändert… und vllt. mal wieder ’ne Diskussion in Deutschland darüber aufkommt…
Mh, leider weiß ich auch nicht genau, warum gerade SO eine Schuluniform eingeführt wurde. Vereinzelte Schulen bieten auch andere Schuluniformen an, wie sie z.B in Japan getragen werden. Ich habe in Shenzhen mal Schülerinnen im Matrosenanzügen/ Faltenrock gesehen, aber ich vermute das war eher eine Privatschule, denn Schüler in Jogginganzügen gabs auch…
Meinst du, in Deutschland sollten auch Schuluniformen eingeführt werden?
Es gibt ja vieles was für Schuluniformen spricht und vieles was für freie Wah spricht. Ich finde die meisten Schuluniformen jedenfalls schön.
Ich war über einen Schüleraustausch für zwei Wochen in China. An unserer Schule gab es auch einen Sportanzug, allerdings hatten sie auch eine echt coole Blazer-/Jackettuniform, welche getragen wurde, wenn das Wetter gut war. (Man muss allerdings bedenken, dass es ein sehr teures privates Internat war und da fast nur reiche drauf waren.) Die Mädchen-Winteruniform habe ich sogar von einer Schülerin geschenkt bekommen, unglaublich lieb von ihr, die hätte eigentlich 200€ gekostet. Ich trage sie auch zu jeder Gelegenheit, bei der das passt. ^^
Hier ein paar Bilder:
die Sommeruniform (lädt sehr langsam, nicht abschrecken lassen)
http://special.scol.com.cn/11cdsyxq/pic/2011/5/19/804094_201152385244_1.jpg
die Winteruniform (auf dieser Website sind ganz viele Bilder)
http://www.chinasmack.com/2011/pictures/elite-students-of-chengdu-school-have-dinner-with-principal.html
der gute alte Sportanzug:
Der Schulname ist Experimental Foreign Language School Chengdu.
Hallo Lot,
ja das stimmt. An privaten Schulen gibt es manchmal andere Uniformen. Habe auch schon einige male andere Uniformen gesehen, diese finde ich auch viel schöner ^^
Aber meistens sieht man doch die leider eher hässlichen Sportanzüge :oops:
Hallo Ting Ting,
das ist wirklich ein sehr interessanter Artikel. Er bringt mich dazu zu fragen, wie sich die Schule an sich in China entwickelt hat. Es gab doch sicher Zeiten, in denen nur die Oberschicht lernen konnte/durfte – ähnlich wie es ja auch in Deutschland der Fall war.
Liebe Grüße
Collie
Hallo Collie,
entschuldige, dass ich erst jetzt dazu komme, um zu antworten…
Ja, das Schulsystem war nicht immer so wie jetzt. Aber auf welche Zeit beziehst du dich genau? Habe selbst nie eine chinesische Schule besucht, von daher kenne ich mich in diesem Bereich eigentlich auch nicht so gut aus.
Während der Kulturrevolution in China (zwischen 1966 und 1976) wurde eigentlich gar nicht gelernt, sondern nur randaliert.
Zitat aus Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Kulturrevolution#Hintergr.C3.BCnde):
Lehrer wurden verfolgt, verstoßen und auch umgebracht. Bücher wurden verbrannt, altes Wissen zerstört. Das sind ganze 10 Jahre, wo in China das Wissen nur zerstört zerstört und zerstört wurde.
Über dieses Thema könnte man ein ganzes Buch schreiben. Leider kann ich nicht so weit ausholen :-/
Der Wechsel zwischen den Uniformen ist sehr spannend. Im Vergleich fallen einem die enormen Unterschiede noch mehr auf.