Kürzlich wurde ich gefragt, ob ich etwas über den Frauenmangel in China schreiben könne. Ehrlich gesagt: Im chinesischen Alltag ist das kein Thema, über das man ständig spricht. Kein Smalltalk, kein Stammtischthema. Trotzdem ist es da, eher unterschwellig, eher indirekt.
Der folgende Text stammt inhaltlich von meinem Mann. Vielleicht ist nicht alles darin zu hundert Prozent korrekt. Aber genau das macht den Text ehrlich. Und vielleicht hilft er trotzdem, ein paar Dinge besser einzuordnen.
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Mentalität, Nutzen und alte Denkmuster
Ein Teil des Frauenmangels in China lässt sich nicht verstehen, ohne Mentalität und Geschichte mitzudenken. In vielen armen Familien galten Söhne lange als „sinnvoller“. Männer konnten körperlich arbeiten, Geld verdienen, auf dem Feld helfen. Töchter dagegen heirateten irgendwann und verließen die Familie. Aus dieser sehr nüchternen Logik heraus galten sie oft als Last.
Das ist kein ausschließlich chinesisches Phänomen, auch wenn es heute gerne so dargestellt wird.
Interessant ist in diesem Zusammenhang sogar die Sprache. Das chinesische Schriftzeichen für Mann (男) setzt sich aus „Feld“ (田) und „Kraft“ (力) zusammen. Das erklärt nicht alles, zeigt aber ziemlich gut, welches Rollenbild über lange Zeit im Kopf verankert war.
Bis heute sehen viele Familien einen Sohn als Altersvorsorge. Die Hoffnung: Er bleibt, kümmert sich später um die Eltern und führt den Familiennamen weiter. Töchter hingegen „gehen verloren“, zumindest aus dieser traditionellen Sicht heraus. Nicht unbedingt emotional, eher funktional gedacht.
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Geschichte, Politik und die „Hero Mama“
Auch die Geschichte von China spielt eine große Rolle. Nach der Gründung der Volksrepublik wollte Mao Zedong das Land schnell aufbauen, wirtschaftlich und militärisch. Dafür brauchte man vor allem Menschen. Viele Menschen.
Es wurde propagiert, dass Frauen viele Kinder bekommen sollten. Die sogenannte „Hero Mama“ war das Idealbild: Eine Mutter, die dem Land dient, indem sie möglichst viele Kinder zur Welt bringt, besonders Söhne. Diese Denkweise wirkte lange nach und trug dazu bei, dass die Bevölkerung stark wuchs.
Auch wenn sich Gesetze und Lebensmodelle später verändert haben, sind die Grundgedanken dieser Zeit nicht einfach verschwunden. Sie sitzen tiefer, oft unbewusst.
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Stadt und Land – zwei völlig verschiedene Welten
Wenn man über den Frauenmangel in China spricht, muss man unterscheiden. In Großstädten wie Shanghai oder Peking merkt man ihn anders als auf dem Land. Dort geht es weniger um „keine Frauen“, sondern um Status, Erwartungen und Timing. Wohnung, Einkommen, sozialer Hintergrund, all das spielt eine enorme Rolle.
In ländlichen Regionen dagegen ist der Frauenmangel oft ganz real und sichtbar. Dörfer mit deutlich mehr Männern als Frauen sind keine Ausnahme. Dort ist der Wunsch nach einer Ehefrau häufig existenziell, nicht romantisch. Und genau dort entstehen die extremen Auswüchse des Problems.
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Wie sich der Frauenmangel heute zeigt
Der Frauenmangel in China ist kein lautes Problem, aber er erzeugt seltsame Nebenwirkungen.
Konkurrenz auf beiden Seiten
Viele Männer stehen unter enormem Druck. Geld, Wohnung, Auto, Status, all das wird plötzlich Voraussetzung für eine Beziehung. Wer wenig hat, hat schlechte Karten. Gleichzeitig wissen viele junge Frauen sehr genau, dass sie in einer starken Position sind, solange sie jung sind. Das verändert das Verhalten. Auch unter Frauen entsteht Konkurrenz. Wohlhabende Männer können wählen, manche führen offen oder heimlich mehrere Beziehungen parallel.
Einige Frauen suchen sich deshalb bewusst ausländische Männer. Nicht unbedingt aus Romantik, sondern aus der Hoffnung auf ein entspannteres, planbareres Leben.
Die Sicht der Frauen
Was dabei oft untergeht: Auch für Frauen ist diese Situation nicht automatisch angenehm. Der Druck, „rechtzeitig“ zu heiraten, ist hoch. Ab Ende zwanzig gilt man schnell als schwierig oder „übrig geblieben“. Gleichzeitig steigen die Erwartungen an Aussehen, Bildung und Anpassungsfähigkeit. Viele Frauen stehen zwischen Selbstständigkeit und familiären Erwartungen und egal, wie sie sich entscheiden, irgendjemand ist unzufrieden.
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Heiratsvermittler als Normalität
Heiratsvermittler gibt es in China überall, privat, halb-privat und sogar staatlich organisiert. Das wirkt aus westlicher Sicht befremdlich, ergibt im System aber Sinn. Viele junge Menschen verbringen ihre gesamte Jugend mit Lernen. Schule, Studium, Prüfungen, Nachhilfe. Wenn sie damit fertig sind, sind sie oft fast 30 und sozial kaum geübt.
Die Vermittler sollen das auffangen, wofür keine Zeit blieb.
Lernen bis zur Erschöpfung
Dass Kinder in China viel lernen, ist kein Klischee. Es ist Alltag. Musik, Sprachen, Zusatzunterricht, alles parallel. Der Leistungsdruck ist real. Ich habe Schüler gesehen, die mit Anfang zwanzig graue Haare hatten. Psychische Belastung wird langsam ernster genommen, aber Selbstmorde sind leider kein fernes Randthema.
Frauenhandel als dunkle Realität
Ein extremes, aber reales Problem ist der Frauenhandel. Immer wieder gibt es Berichte über entführte Frauen, die in arme Regionen verschleppt und dort verkauft werden. Besonders in Gegenden mit starkem Männerüberschuss ist der Wunsch nach einer Ehefrau so groß, dass illegale Wege akzeptiert werden.
Bordelle trotz Verbot
Prostitution ist in China offiziell verboten und moralisch verpönt. Trotzdem gibt es regelmäßig große Razzien, bei denen hunderte oder tausende Prostituierte in einer Stadt aufgegriffen werden. Der Frauenmangel verstärkt diese Entwicklung. Man spricht nicht darüber, aber man weiß, dass es passiert.
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Kein lautes Problem, aber ein spürbares
Der Frauenmangel in China ist kein Thema für Talkshows oder offene Debatten. Er wirkt im Hintergrund. In Erwartungen, in Druck, in Lebensentscheidungen. Wer in China lebt, merkt ihn nicht jeden Tag, aber irgendwann merkt man, dass vieles einfach anders läuft. Und dann ergibt plötzlich einiges mehr Sinn.
Gleichzeitig ist China kein eingefrorenes System. Nicht alle akzeptieren diese Erwartungen noch widerspruchslos. Manche entziehen sich still, andere bewusst. Veränderungen passieren leise, unauffällig, oft ohne großes Aufsehen.

11 Kommentare
Hi Ting Ting!!
Danke für deinen Beitrag!! Schön, dass du aus dem Bloggertief wieder so ein bisschen draußen bist!
Zum Artikel:
Diesen Gedanken hatte ich in Taiwan auch sehr häufig. Ah, weißer Typ, gleich mal anmachen. Das fand ich allerdings immer zu leicht durchschaubar, einfach weil es klar ist, worauf das abzielt. Vor allem, wenn sie gleich am ersten Abend mit zu mir will – gleich den Zonk gezogen. Tschüss. Auch ein wesentlicher Grund, die Finger von solchen Mädels zu lassen.
Bin wahrscheinlich eher Konservativ was das Thema angeht. Witzig ist es, wenn Sie das nicht merkt. haha!! ;)
Viele Grüße
Hall Dunkelangst,
ja, ich glaube so eine lange Lücke zwischen den Posts hatte ich noch nie. So richtig in Schreiblaune bin ich leider immer noch nicht gekommen :-/
Find ich aber gut, dass du Dich nicht auf sowas eingelassen hat. Viele andere würden das ja schamlos ausnutzen
Hi Ting Ting,
vielen vielen Dank für den Artikel :) es waren ein paar Informationen dabei die man tatsächlich im Internet bei dem Thema nicht findet, du konntest mir wirklich weiterhelfen. Nochmal vielen herzlichen Dank <3
LG Katharina
PS: Ich werde deinem Blog weiterhin folgen :3
Hallo Katharina,
das freut mich, dass wir dir etwas weiter helfen konnten :)
Ich drücke dir die Daumen fürs Abitur am Montag!
Hallo Ting Ting,
wer sich mal etwas ernsthaft über Mädchenschicksale in China beschäftigen möchte, dem sei folgendes Buch anempfohlen.
Titel: „Wolkentöchter“
Autorin: Xinran
ISBN 978-3-426-19901-5
Viel Vergnügen beim Lesen.
Mag sein dass der Besuch im KTV in der Gesellschaft als unmoralisch angesehen wird, er ist dennoch normal in China. Prostitution ist überall vorhanden und wird auch nur oberflächlich bekämpft.
Hier in Shanghai gibt es riesige „International Clubs“ und KTVs in die Chinesen mit ihren Geschäftspartnern gehen. Die Stellen auch brav Fapiaos aus damit der Puffbesuch auch von der Steuer abgesetzt werden kann.
Auf Ausländer sind die freilich nicht eingestellt, diese merkwürdige Art der Erotik (in ein Mikrofon Brüllen aus Vorspiel)wirkt auch sehr befremdlich auf Westler.
Ja, der Besuch bei Prostituierten ist normal in China und geht auch weit zurück. Das wollte ich auch gar nicht bestreiten.
Ich meinte nur, dass es sich wesentlich vermehrt.Allein wenn ich mal in einem Hotel nächtige und alle paar Stunden jemand an der Tür vorbei läuft und unanständige Kärtchen durchschiebt.
https://de.wikipedia.org/wiki/Prostitution_in_der_Volksrepublik_China#Prostitution_nach_1978
Ist schon echt toll deinen Blog zu lesen.. da lern ich wirklich einen ganzen Haufen.
danke!
Hallo Franzy,
das freut mich zu lesen ^^
Das mit dem Frauenhandel ist ja hart. Hätte nicht gedacht, das es so etwas in einem einigermaßen zivilisierten Land gibt.
Der Frauenkauf ist für viele Männer inzwischen sehr schwierig geworden.
In Städte wie Beijing oder Shanghai, erwarten die Schwiegereltern, dass der Bräutigam ihnen ein Apartment schenkt und ein weiteres Apartment kauft, welches auf den Namen der Frau eingetragen wird.
Zwei 120 qm Wohnungen in Beijing kosten zusammen locker 25 Millionen RMB, also etwa 3,3 Millionen Euro.
Um dem Bräutigam dies zu ermöglichen, verkaufen die Großeltern ihre eigene Wohnung und die ganze Familie nimmt Darlehen auf, teilweise mit Laufzeiten von 100 Jahren.
Viele chinesische Männer können sich das natürlich nicht leisten und kaufen ihre Frauen in ärmeren Regionen Chinas oder aber in armen, anderen asiatischen Staaten ein.