Diebstähle in China sind kein Thema, über das man gerne spricht. Vor allem nicht, wenn man selbst betroffen war. Und doch gehören sie für viele, die länger dort leben, irgendwann zum Alltag dazu, nicht dramatisch, nicht ständig, aber präsent genug, um das eigene Verhalten zu verändern.
Ich habe mehrere Jahre in China gelebt. Und in dieser Zeit wurde ich nicht nur einmal bestohlen.
Wenn Dinge einfach verschwinden
Mein erstes gestohlenes Objekt war ein Handy. Es verschwand in einem Moment der Unachtsamkeit, mitten im Trubel einer belebten Innenstadt. Kein Gerangel, kein offener Diebstahl. Es war einfach weg. Erst Minuten später bemerkte ich es.
Es blieb nicht bei diesem einen Vorfall. In den folgenden Jahren wurden mir auch ein iPad und eine Geldbörse gestohlen. Besonders irritierend war ein Diebstahl am Arbeitsplatz. Meine Handtasche lag hinter der Theke eines Cafés, also eigentlich in einem Bereich, den ich als sicher empfand. Während meiner Abwesenheit muss jemand gezielt in die Tasche gegriffen haben. Es fehlte nur das Portemonnaie. Alles andere blieb unangetastet.
In diesem Moment wurde mir klar: Absolute Sicherheit gibt es nicht. Nicht draußen und nicht drinnen.
Taschendiebe, Rollerfahrer und Alltagssituationen
Viele Diebstähle in China passieren leise. Taschendiebe arbeiten schnell, oft zu zweit oder in Gruppen. Einer lenkt ab, der andere greift zu. Besonders beliebt sind überfüllte Orte: Einkaufsstraßen, Busse, Metrostationen, Bahnhöfe.
Ein Fall, der mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, betraf meine Schwiegermutter. Auf dem Heimweg näherte sich von hinten ein Elektroroller. Im Vorbeifahren riss der Fahrer ihr die Handtasche vom Arm. Zum Glück stürzte sie nicht, doch der Schock saß tief. Solche Diebstähle sind selten, aber sie kommen vor, vor allem in älteren Stadtteilen oder weniger überwachten Gegenden.
Ein Einbruchversuch bei uns zuhause – im siebten Stock.
Eines Morgens bemerkten wir, dass mehrere Blumentöpfe auf unserer Fensterbank
zerstört waren. Zunächst dachte ich an starken Wind. Doch schnell wurde
klar, dass jemand versucht hatte, durch das Fenster einzudringen.
Der Einbrecher hatte sich offenbar vom Dach abgeseilt. Unsere Fenstergitter verhinderten
Schlimmeres, allerdings zogen ihn die vielen Blumentöpfe wohl weiter –
zum Nachbarn. Dort waren die Metallstangen deutlich verbogen. Nur der
Hund der Nachbarn, der laut bellte, hatte den Einbruch
letztlich verhindert.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich Fenstergitter in höheren Etagen immer für übertrieben gehalten.
Erdgeschoss, ja. Zweiter oder dritter Stock vielleicht. Aber darüber?
Nach diesem Vorfall war mir klar: In China ist Vorsorge kein Ausdruck
von Angst, sondern von Erfahrung.
Polizei und Realität
Nach meinem ersten Diebstahl habe ich versucht, Anzeige zu erstatten. Die Reaktion war ernüchternd. Man machte mir klar, dass die Chancen auf Wiederbeschaffung praktisch null seien. Statt Unterstützung bekam ich eher Vorwürfe: Warum ich nicht besser aufgepasst hätte, ob ich vielleicht unaufmerksam oder sogar betrunken gewesen sei.
Nach dieser Erfahrung habe ich weitere Diebstähle nicht mehr gemeldet. Nicht aus Resignation, sondern aus Pragmatismus. In China schützt man sich weniger über nachträgliche Gerechtigkeit, sondern über Vorsorge.
Wie sich mein Verhalten verändert hat
Mit der Zeit habe ich gelernt, mich anzupassen. Ich trug Wertgegenstände körpernah, ließ teure Geräte zu Hause und nahm nur das Nötigste mit. Bankkarten und Ausweise bewahrte ich getrennt auf. Taschen wurden nie offen getragen, Rucksäcke nicht unbeaufsichtigt gelassen.
Was mich besonders geprägt hat, war die Reaktion der Umgebung. Selbst wenn Menschen einen Diebstahl bemerken, greifen sie selten ein. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Angst, selbst verletzt zu werden. Manche Täter tragen Messer, und niemand möchte der Nächste sein.
Heute: weniger Diebstähle, aber kein Freifahrtschein
In den letzten Jahren hat sich vieles verändert. Moderne Wohnanlagen, Kameras, Zugangskontrollen und digitale Zahlungssysteme haben viele klassische Diebstahlformen reduziert. Vor allem in großen Städten ist die Situation heute deutlich besser als noch vor zehn Jahren.
Und trotzdem gilt: Unachtsamkeit wird auch heute noch ausgenutzt. Besonders in touristischen Gegenden, älteren Vierteln oder bei großem Gedränge.
Fazit
Diebstähle in China sind kein Mythos, aber auch kein Dauerzustand. Sie sind Teil des urbanen Alltags, so wie in vielen anderen Ländern auch. Der Unterschied liegt im Umgang damit. Man verlässt sich weniger auf Institutionen und mehr auf eigenes Verhalten.
Meine Erfahrungen haben mich vorsichtiger gemacht, aber nicht ängstlich. Sie haben mir vor allem eines beigebracht: Sicherheit ist selten absolut. Sie entsteht durch Aufmerksamkeit, Routine und das Wissen, wann man besser zweimal hinschaut. Auch zuhause ist man nicht automatisch sicher

6 Kommentare
Leider braucht man diese Gitter in vielen Gegenden der Welt. Ich bin immer sehr dankbar, dass wir sie in Deutschland nicht(noch nicht?) brauchen. Ich verstehe auch nicht, wie Menschen die Mut und Können genug besitzen sich von vielgeschossigen Häusern abzuseilen, nicht auch einen richtigen Job ergreifen sondern stattdessen ihren Mitmenschen das Leben schwer machen.
Bin gespannt auf den Bericht zu den Fotos.
LG Ragnar
In China kommen die leider auf sehr viele Ideen, wie Verbrecher an Geld kommen können. Ich lese/höre fast täglich irgendwelche Nachrichten und bei manchen Sachen musste ich echt schaudern, wie kreativ die werden…
In China gibt es so viele Menschen, da kriegt leider nicht jeder einen Job, bzw. sind sie aufs extremste unterbezahlt. Ich weiß noch vor 3 Jahren, als mein Mann und ich gerade nach China gereist sind und auf Jobsuche waren. Da waren Jobs dabei, wo der monatliche Lohn gerade mal 1500Rmb betrug. Als Vergleich, wir vermieten eine 20qm(!!) Wohnung für 1500Rmb. Aber irgendjemand macht diese Jobs sowieso.
Ich kann also sehr gut verstehen, dass es schwer ist um die Runden zu kommen (was das klauen natürlich nicht rechtfertigt). In China ist das System einfach miserabel und man wird vom Staat nicht geholfen.
Ich denke es wird keinen Bericht mehr zu Wuxi geben. Es ist dort nicht wirklich etwas spannendes passiert. Da ich dort fast jedes Jahr mehrmals bin, gibt es auch kaum etwas neues zu berichten :roll:
Ja, naiv stellt man sich unter einem kommunistischen Staat etwas anderes vor! ;-)
Zumindest, dass die grundlegenden Dinge des Lebens, Wohnen, Essen, Ausbildung und Gesundheitsversorgung, für alle erschwinglich sein sollten. Statt dessen sind die Unterschiede noch größer als in den meisten kapitalistischen Ländern.
Ich wünsche Euch auf jeden Fall, dass ihr von Einbrüchen verschont bleibt!
LG Ragnar
Das mit dem Gitter vor dem Fenster dachte ich bisher nur, dass es als Schutz zum Rausfallen gedacht wäre … aber so wie du es sagst macht es ziemlich viel Sinn. Mir ist es bisher nie aufgefallen, obwohl ich weiß dass das Schiebegittern vor der eigentlichen Haustüre in vielen asiatischen Ländern auch ein Schutz ist.
Das mit den Dächern klingt gar doll @_@ … bei uns ist aktuell Orkanwarnung und ich habe schon sehr viel Angst, da stelle ich mir vor wie beunruhigend diese Dachgeräusche sein müssen.
Die alten Häuser von Wuxi erinnern mich so sehr an die ganzen Serien :D
Lach, genau den selben Gedanken wie du hatte ich auch, als ich das erste Mal in China war :mrgreen: Ich glaub aber das lag daran, weil mein Neffe (damals 1 Jahr alt) so gern am Fenster rumkletterte…
Das mit den Türen ist auch so ein Ding. Wenn ich meinen chinesischen Freunden erzähle, dass ich in Deutschland eine Haustür aus Holz hatte, zeigen sie mir den Vogel :lol: Bei uns in China sind die hier 5cm dick und aus hartem Metall. Bei meiner Mama Zuhaus gibt es sogar 2 Türen. Eines auch aus solchen Metallstäben.
Ah, ich liebe die Bilder und wie du das Sommerwetter beschreibst mit dem klappernden Dach. Ich würde mir so gerne selber mal das Szenario anschauen. Vorallem die alten Häuser sehen so wunderschön aus, auch wenn manche nicht mehr aussehen als seien sie im besten Zustand. Dennoch sind sie sehr schön.
Aber das mit dem Einbruch finde ich ja krass. Ich musste da spontan an irgendeinen Jacky Chan Film denken. Jedenfalls klingt das so von der Ferne so unwirklich an als rein von der Vorstellung. Hier würde das kaum einer machen, außer professionelle. Solche Gitter an den Fenstern kenne ich aber auch von Thailand, meine Familien haben dort auch solche überall dran.
Lieben Gruß