Warum es in China nie ruhig ist – Alltag zwischen Bewegung und 热闹

by Avatar-FotoTing Ting
Veröffentlicht: Aktualisiert: 6,K Aufrufe 3 Minuten Lesezeit

Manchmal fällt es mir erst richtig auf, wenn ich abends nach Hause komme oder morgens viel zu früh vor die Tür gehe: In China ist es eigentlich nie wirklich ruhig. Egal zu welcher Uhrzeit ich aus dem Haus gehe – irgendwer ist immer unterwegs. Menschen laufen, reden, sitzen zusammen, bewegen sich. Eine komplett leere Straße, so wie ich sie aus Deutschland kenne, nachts um elf oder morgens um fünf, sehe ich hier fast nie.

Dieses Gefühl, dass immer etwas los ist, hat im Chinesischen sogar ein eigenes Wort: 热闹.
Gemeint ist damit nicht einfach Lärm, sondern Lebendigkeit. Dass ein Ort benutzt wird. Dass Menschen da sind.



Morgens halb sechs – und der Park ist schon voll

Irgendwann hatte ich mir mal vorgenommen, morgens joggen zu gehen. Natürlich hielt das nicht besonders lange. Aber diese paar Male haben gereicht, um etwas zu merken: Selbst um halb sechs morgens ist die Stadt schon wach.

Im Park waren fast nur ältere Menschen unterwegs. Rentner, die joggten, Tai Chi machten, tanzten oder einfach spazieren gingen. Menschen in meinem Alter habe ich kaum gesehen. Und das Lustige war: Einige von ihnen haben mich beim Laufen locker überholt. Ohne Mühe. Ohne Hast.

Es war kein hektisches Treiben. Alles wirkte ruhig, fast gelassen  und trotzdem voller Leben. So ein Bild habe ich bisher nur in China erlebt.



Abends rausgehen gehört einfach dazu

Auch abends liebe ich diese Belebtheit. Nach dem Abendessen gehen viele Menschen noch einmal raus. Nicht, um irgendwohin zu müssen, sondern einfach, um draußen zu sein.

Ningbo ist dann hell erleuchtet. Man sieht überall Menschen. Gruppen, die zusammen tanzen. Andere, die Karten spielen. Musik, Gespräche, Bewegung. Niemand wirkt fehl am Platz.

In Deutschland ist der Himmel um diese Uhrzeit oft einfach schwarz. Still. Leer.
In Ningbo habe ich kaum eine Nacht erlebt, in der es wirklich dunkel oder ruhig war.


Wenn ein ganzer Ort zusammenkommt

Ein besonders starkes Erlebnis hatte ich in Qing Tian, der Heimatstadt meiner Eltern. Eigentlich könnte man es fast ein Dorf nennen.

Dort gibt es einen großen Platz, auf dem sich abends gefühlt die halbe Stadt trifft. Erwachsene tanzen in riesigen Gruppen zu lauter Musik, Jugendliche spielen Badminton oder fahren Inlineskates,
Kinder rennen herum.

Für die Kleinen gibt es alles Mögliche: Hüpfburgen, kleine Becken mit Fischen zum Angeln, elektrische Autos, Süßigkeiten. In einer Ecke konnte man malen und basteln. Die Figuren
waren voller Manga-Charaktere wie Naruto, Sailor Moon oder Doraemon. Ich hätte mich am liebsten dazugesetzt, aber das wäre dann doch etwas peinlich gewesen.

Dieses Gefühl, dass ein ganzer Ort gleichzeitig draußen ist, habe ich so nur in China erlebt.


Wenn es zu viel wird

So sehr ich diese Lebendigkeit mag an Feiertagen wird sie mir schnell zu viel.

Der Verkehr ist dann kaum auszuhalten. Überall Menschen, überall Stau, überall Warten. Selbst in Fußgängerzonen kommt man kaum voran. An solchen Tagen bleibe ich inzwischen fast immer zu Hause, weil ich weiß, dass ich sonst nur völlig erschöpft zurückkomme.

Wer sagt, das sei in Deutschland genauso, war noch nie an einem chinesischen Feiertag unterwegs.



Zwischen Ruhe und Leben

Manchmal vermisse ich in China diese absolute Ruhe, die ich aus Deutschland kenne.
Und gleichzeitig weiß ich: Wenn ich in Deutschland bin, würde mir genau dieses ständige Leben fehlen.

Vielleicht ist es genau dieser Gegensatz, der China für mich so besonders macht. Es ist selten still, selten leer, selten allein. Für viele Menschen hier ist das kein Nachteil, sondern einfach normal.

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12 Kommentare

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Hani 20/05/2014 - 04:10

Hier in Deutschland ist es wirklich menschenleer. Als ich in HK war und wir spätabends noch unterwegs „mit“ anderen Leuten waren, hatte ich mich auch irgendwie nicht so alleine gefühlt. Aber allgemein ist es dort auch nachts viel mehr los und nicht so dunkel wie hier in Deutschland (also mein Heimweg x’D … )

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Kalisisx 21/05/2014 - 01:52

Hey Tingting! c:
Habe dich getaggt! Würde mich freuen, wenn du mitmachen würdest.

http://my-sweetamoris.blogspot.de/2014/05/bloggerherztag-gegen-den-klau-von.html

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Ting Ting 21/05/2014 - 18:40

Hallo Kalisisx,
gern mache ich mit. Musst nur leider etwas Geduld haben, da ich momentan so viel Arbeit rum liegen hab ;(

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Kalisix 23/05/2014 - 23:12

Ist doch nicht schlimm. :-3

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Sascha 21/05/2014 - 21:52

Das finde ich so faszinierend an China. In Reportagen habe ich das auch schon öfter gesehen. Wenn bei uns in kleinen Ort jemand auf einem öffentlichen Ort mit Joga, Tanz oder ähnlichem anfangen würde, den würde man für Verrückt erklären.

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Ting Ting 22/05/2014 - 18:32

Hallo Sascha,
ja..ist eigentlich schade. In China laufe ich viel „freier“ rum, als in Deutschland. Ich könnte hier im knallpinken Schlafanzug rumlaufen (was auch viele tun am Abend..) und würde keine komischen Blicke einkassieren.
Dabei ist die Natur in Deutschland eigentlich viel schöner und angenehmer, als in China ;(

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Myriam 24/05/2014 - 05:46

Ich kann mir vorstellen, dass es ein total schöner Start in den Tag ist, wenn man morgens gleich nach dem Aufstehen in den Park geht und joggen geht oder sich in der Gruppe trifft. Wie gesagt, vorstellen kann ich es mir. Jeden Morgen schaue ich sehnsüchtig den Menschen im Park aus der Straßenbahn zu, wenn ich wieder voll gehetzt in der vollen Bahn stehe… Vielleicht sollten wir uns in Deutschland auch mal mehr Zeit für solche Dinge nehmen. Letztens sprach mich ein Tourist an und fragte mich, warum in D niemand lacht. Nirgends in der Stadt sieht er lachende Menschen. Ich meinte spontan: Klar, es regnet auch! :) Daraufhin er: Auch bei Sonne lachen die Menschen hier nicht. Wir sind wohl ein recht trauriger Haufen ….
Sitzen in China eigentlich auch so viele Menschen mit Bierflaschen etc abends in den Parks und auf Bänken etc? Manchmal glaub ich, dass die Hauptbeschäftigung in der Freizeit der Deutschen Bier trinken ist. …
Grüße Myri

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Ting Ting 25/05/2014 - 13:20

Ich glaube nicht umsonst ist Deutschland als die Bier trinkende Nation bekannt…. Wenn ich ein Chinese befrage, was sie mit Deutschland assoziieren ist 1). Technik, Autos usw. und gleich danach kommt auch schon 2). Menschen mit nem Glas Bier in der Hand. Und ja natürlich noch sowas wie’n Dirndl und Schweinshaxe dazu.
In China sieht man niemanden mit einer Flasche Bier rum sitzen/ laufen. Höchstens mit einem Glas Tee, dafür benutzen sie oft solche Glasbehälter, die wir z.B für Bockwürstchen benutzen. Also nicht mal Obdachtlose sieht man hier mit Alkohol rumsitzen…
Aber dafür läuft jeder Dritte mit einer Kippe im Mund rum :-/

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Tatj 01/06/2014 - 01:24

Nachts finde ich es hier auch immer total gruselig, kaum eine Menschenseele ist unterwegs, weder zu Fuß, noch mit dem Auto. Leere Wege, leere Straßen…

Sind die Menschen denn Nachts auf den Straßen freundlich? Ich kenn das meistens nur, wenn Leute auch spät Abends draußen sind, dass sie betrunken sind und auf Streit aus sind.^^

Das mit den vielen Leuten, dass die da alle gemeinsam Sport machen, find ich eigentlich ganz cool. Da guckt keiner einen blöd an, wenn man sich mit in die Masse stellt^^

LG

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Constantin 08/06/2019 - 16:44

In Peking haben viele Menschen eine Maske vor Mund und Nase getragen.Tun die das, um sich in der Menschenmasse vor Ansteckung durch andere Leute zu schützen, oder sind sie selbst erkältet und wollen andere schützen, oder tragen die diese Masken wegen der Luftverschmutzung?

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Ting Ting 08/06/2019 - 21:07

Wenn das in Peking war, würde ich mal stark vermuten, dass es wegen dem Smog ist. Peking und die Provinz Hebei ist der größte Eisen und Stahl Produzent Chinas. Die dortige Kohleverbrennung verursachen Jahr für Jahr enorme Smog Probleme. Besonders im Winter ist der Smog extrem. Ich war dort mal im Winter und man hat wirklich kaum einen Meter weit schauen, geschweigeden klar durchatmen können.

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laohaigua 09/06/2023 - 08:06

Schön, ich habe viele Formulierung auf Deutsch gelernt! Vielen Dank für den Beitrag! LG

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