Traditionelle chinesische Kleidung – Entwicklung und Unterschiede der Dynastien

by Avatar-FotoTing Ting
Veröffentlicht: Aktualisiert: 18,6K Aufrufe 2 Minuten Lesezeit

Ich bin ein Fan von traditionellen Gewändern. Wenn ich daran denke, wie selten man sie heute im Alltag sieht, macht es mich traurig. Deshalb wollte ich schon lange mal einen Überblick schreiben: Welche Kleidungsstile gab es in China über die Jahrhunderte – grob nach Epochen sortiert, einfach zum Staunen (und damit man beim nächsten Historien-Drama nicht komplett lost ist).

Die meisten Darstellungen traditioneller chinesischer Kleidung, die man heute kennt, stammen aus späteren Dynastien oder aus modernen Interpretationen. In Wirklichkeit haben sich Schnitte, Farben und Materialien über Jahrhunderte immer wieder stark verändert.

Wichtig vorweg: „Die traditionelle chinesische Kleidung“ gibt es nicht als ein einziges festes Outfit. Kleidung hat sich je nach Dynastie, Region, Klima, Stand und auch Modegefühl ständig verändert. Ich fasse hier bewusst vereinfacht zusammen – aber die Grundlinien stimmen. (Und ja: Begriffe werden je nach Quelle manchmal unterschiedlich verwendet.)

Warum Kleidung in China früher so stark „geregelt“ war

In der chinesischen Geschichte war Kleidung lange mehr als „Stoff am Körper“. Sie war Status, Ordnung und manchmal sogar Politik.
Material: Seide war teuer und stand eher den Wohlhabenden und dem Adel zur Verfügung, während einfache Menschen häufiger grobere Stoffe (z.B. Hanf/Leinen) trugen.
Farben & Motive: Bestimmte Farben und Symbole waren zeitweise streng geregelt. Besonders in späteren Dynastien wurde Gelb stark mit dem Kaiserhaus verbunden. Auch Drachenmotive waren nicht einfach „Deko“, sondern ein klares Machtsymbol – in der Kaiserzeit wurden bestimmte Drachen-Darstellungen (z.B. der fünfklauige Drache) vor allem mit dem Kaiser assoziiert.  
Schnitt & Anlass: Wer du warst, was du gearbeitet hast und zu welchem Anlass du unterwegs warst, konnte man früher oft schon am Schnitt erkennen.

Grundbegriffe, die man ständig hört (ohne dass es gleich Fachchinesisch wird)

Bevor ich in die Zeiten springe, zwei Sammelbegriffe, die im Internet oft durcheinandergehen:
Hanfu (汉服) ist heute der gängige Sammelbegriff für „traditionelle Kleidung der Han-Chinesen“, also grob gesagt die Kleidungssysteme, die sich vor allem vor der Qing-Zeit entwickelt haben (mit vielen Varianten je nach Epoche).  
Qipao / Cheongsam ist dagegen ein deutlich jüngeres Kleidungsbild, das vor allem im 20. Jahrhundert populär wurde (dazu weiter unten).

Qin–Han-Zeit (ca. 3. Jh. v. Chr. bis 3. Jh. n. Chr.): „geordnet“, lang, übereinander

Für frühe Kaiserzeit-Optik denkt man oft an lange Roben mit überkreuztem Kragen. In dieser Zeit (und noch darüber hinaus) waren typische Elemente:
    •    Überkreuzter Kragen (meist rechts über links)
    •    lange, fließende Silhouetten
    •    mehrlagig (Untergewand + Obergewand)

Der Begriff Quju (曲裾) taucht in diesem Kontext häufig auf: ein „geschwungener Saum“-Stil, der in Darstellungen der Han-Zeit bekannt ist. (Auch hier gilt: Rekonstruktionen sind immer Interpretation, weil Textilien selten komplett erhalten bleiben.)

Südliche & Nördliche Dynastien (4.–6. Jh.): Übergänge, Reiten, praktische Einflüsse

Diese Zeit ist politisch zerklüftet und das spiegelt sich auch in Kleidung wider. Einflüsse aus dem Norden (Reitkultur, praktischere Schnitte) werden sichtbarer. 

Die Legende von Mulan wird meist in die Zeit der Nördlichen Dynastien eingeordnet. Die Kleidung dieser Epoche war deutlich schlichter und funktionaler als in späteren Dynastien. Besonders in den nördlichen Regionen spielten Reiterkulturen eine große Rolle, was sich auch im Schnitt der Kleidung widerspiegelte.

Frauen- und Männerkleidung unterschieden sich weniger stark als in späteren Zeiten. Kurze Jacken, lange Röcke oder Hosen und praktische Schnitte waren typisch. Die Darstellungen von Mulan, die man heute kennt, sind meist spätere Interpretationen. Historisch gesehen hätte sie eher Kleidung getragen, die für Bewegung, Reisen und Reiten geeignet war – nicht die prunkvollen Gewänder, die man oft aus Filmen kennt.

581–618 n. Chr. – Sui-Dynastie

Die Sui-Dynastie war eine vergleichsweise kurze, aber wichtige Übergangszeit. Sie verband die lange Phase der Südlichen und Nördlichen Dynastien mit der späteren Blüte der Tang-Zeit. Auch in der Kleidung zeigt sich genau das: kein radikaler Stilbruch, sondern eine Weiterentwicklung bestehender Formen.

Die Grundstruktur der Kleidung blieb noch eher zurückhaltend. Frauen trugen weiterhin Kombinationen aus Oberteil und Rock, meist mit langärmeligen Gewändern und mehreren Stofflagen. Die Silhouetten wirkten ruhiger und weniger freizügig als in der späteren Tang-Dynastie, gleichzeitig aber bereits eleganter und fließender als in den Jahrhunderten davor.

Viele der heute bekannten Darstellungen aus der Sui-Zeit zeigen vor allem die Kleidung der höfischen Oberschicht. Diese Gewänder waren oft farbig, fein gemustert und aus hochwertigen Stoffen gefertigt. Da zahlreiche Bilder erst in späteren Dynastien entstanden, wirken manche Sui-Gewänder bereits sehr „tang-ähnlich“. Historisch ist das erklärbar, denn die Mode dieser Zeit befand sich im Wandel und ging fließend in den Stil der frühen Tang über.

618–907 n. Chr. – Tang-Dynastie

Die Tang-Dynastie zählt zu den kulturell bedeutendsten und offensten Epochen der chinesischen Geschichte. In dieser Zeit erreichten Kunst, Musik und Mode einen hohen Entwicklungsstand. Der Wohlstand des Reiches und der intensive Austausch entlang der Seidenstraße beeinflussten auch die Kleidung deutlich. Im Vergleich zu früheren Dynastien wurde die Mode vielfältiger, farbenreicher und insgesamt freier.

Frauenkleidung der Tang-Dynastie

Das charakteristische Frauengewand dieser Zeit war das 襦裙 – Ruqun.
Es handelte sich um eine Kombination aus einem kurzen Oberteil (襦, ru) und einem Rock (裙, qun). Typisch für die Tang-Zeit war, dass der Rock hoch angesetzt, oft direkt unter der Brust, getragen wurde. Dadurch entstand eine lange, fließende Silhouette, die auf vielen Darstellungen aus dieser Epoche zu sehen ist.

Die Stoffe waren leicht, häufig aus Seide, und oft in kräftigen Farben gehalten. Mehrlagige Kleidung war üblich, wobei Transparenz und fließende Übergänge bewusst eingesetzt wurden.

Über dem Ruqun wurde häufig ein 大袖衫 – Daxiushan getragen.
Dabei handelt es sich um ein weit geschnittenes Übergewand mit sehr großen, offenen Ärmeln. Das Daxiushan verlieh dem Gesamtbild eine elegante, fast schwebende Wirkung und wurde besonders bei höfischen oder formellen Anlässen getragen. Die langen Ärmel betonten Bewegung und galten als Ausdruck von Anmut.

Ein weiteres verbreitetes Kleidungsstück war das 半臂 – Banbi.
Das Banbi ist eine kurzärmelige oder ärmellose Jacke, die über dem Oberteil getragen wurde. Es war praktischer als das Daxiushan und wurde häufiger im Alltag oder bei weniger formellen Gelegenheiten genutzt.

 

襦裙 – Rú qún

大袖衫 – Daxiushan

襦裙 – Rú qún

大袖衫 – Daxiushan


Stil, Vielfalt und Schönheitsideal

Die Mode der Tang-Dynastie war nicht einheitlich. Sie veränderte sich im Laufe der Zeit und
unterschied sich je nach sozialem Stand und Region. Während die frühe Tang-Dynastie stilistisch noch stark an die Sui-Zeit erinnerte, entwickelte sich im Hoch-Tang ein besonders opulenter und
selbstbewusster Kleidungsstil.

Füllige Frauen galten in dieser Epoche als Schönheitsideal. Die Kleidung betonte weiche Formen und Rundungen und verzichtete auf stark einschnürende Schnitte. Dies spiegelt sich deutlich in zeitgenössischen Gemälden und Skulpturen wider.

Durch den kulturellen Austausch mit Zentralasien flossen zudem fremde Muster, Farben und Details in die Kleidung ein. Dennoch blieb die Grundform der chinesischen Gewänder erhalten, sodass sich die Tang-Mode klar von späteren Dynastien unterscheiden lässt.

Song (10.–13. Jh.): zurückhaltender, feiner, „leiser“

Song wirkt im Vergleich zur Tang-Zeit oft schlichter und eleganter. Silhouetten werden häufig „gerader“ wahrgenommen, Farben und Muster eher ruhiger. (Natürlich wieder: abhängig von Stand und Anlass.)

Yuan (13.–14. Jh.): Mongolische Herrschaft – praktische Schnitte werden wichtiger

Unter mongolischer Herrschaft verändern sich Teile des Kleidungssystems, u.a. weil Reiten, Kälte, Funktionalität stärker reinspielen. Insgesamt tauchen häufiger Schnitte auf, die bewegungsfreundlicher wirken.

Ming (14.–17. Jh.): Hanfu-Formen werden sehr „klassisch“ greifbar

Wenn heute Menschen an „klassische“ traditionelle Han-Kleidung denken, landen viele optisch irgendwo zwischen Song/Ming – weil aus dieser Zeit viele Formen gut dokumentiert sind und im modernen Hanfu-Revival gern aufgegriffen werden.

Qing (17.–Anfang 20. Jh.): Mandschu-Stil, Zopfpflicht – und viel Politik im Outfit

In der Qing-Zeit wird es politisch besonders spürbar: Kleidung und Frisur werden zum Machtzeichen. Die bekannte Zopfpflicht (Queue) für Männer ist ein riesiges Thema in der Alltagsgeschichte – in Filmen sieht man das ständig.

Auch wichtig: „Chinesische Kleidung“ in der Qing-Zeit ist nicht einfach „Hanfu 2.0“, sondern stark vom mandschurischen Kleidungsstil geprägt (und wieder abhängig vom Stand, Beruf, Stadt/Land).

Republikzeit & frühes 20. Jahrhundert: Qipao wird zum Symbol – aber anders als viele denken

Der Satz „Das folgende Gewand nennt man Qipao“ stimmt als grobe Richtung, aber hier lohnt ein kleines Update:

Das Qipao/Cheongsam, wie viele es heute kennen (figurbetont, „Shanghai-Image“), wurde besonders im städtischen China des 20. Jahrhunderts modern und ist eher eine moderne Mode-Entwicklung als „uraltes Dynastiegewand“.  

Moderne Zeit

Dass traditionelle Gewänder im Alltag selten sind, stimmt,  aber „überhaupt nicht“ wäre heute zu hart. Es gibt:
    •    Hanfu-Revival (vor allem junge Leute, Events, Foto-Shootings, Feiertage, Touri-Orte)
    •    Arbeitskleidung (z.B. in Restaurants, Hotels, Kulturstätten – je nach Stil mal mehr, mal weniger authentisch)
    •    Hochzeiten/Shows (traditionell inspiriert, oft bewusst „dramatisch“)

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11 Kommentare

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horst-dieter 17/01/2015 - 04:48

Hallo Ting-Ting,
ich stelle mit Li Qingzhao in den herrlichen Kleidern der Song-Dynastie vor. Sie wird eine beeindruckende Aura ausgestrahlt haben. Nun ja, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. ;-)

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Collie 10/11/2015 - 22:39

Liebe Ting Ting,
ganz lieben Dank für diesen tollen Beitrag. Ich finde ihn sehr informativ. Mich würde noch sehr interessieren, welche Namen die einzelnen Kleidungsstücke haben (z.B: Hat der Gürtel eine eigene Bezeichnung? Ähnlich wie der Kimonogürtel Obi in Japan genannt wird? Auf welche Weise sie angelegt wurde. Gab es besondere Anlässe, bei denen bestimmte Gewänder getragen wurden? Durften z.B. bei Beerdigungen bunte Kleider getragen werden oder waren die Farben dezent, um Trauer zu zeigen?

Ganz liebe Grüße
Collie

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Ting Ting 13/11/2015 - 10:24

Hallo Collie,
da bin ich ganz ehrlich etwas überfragt. Wie die verschiedenen Kleidungsstücke alle heißen, weiß ich leider nicht. Kenne nur das Qi Pao bei Namen. Allgemein nennt man ja die chinesischen Gewänder „Hanfu“ (Han für Han-Chinesen).
Ich muss mal schauen, ob ich dazu noch was finden kann.
Die traditionellen Gewänder in China „sterben“ leider aus. Es ist nicht wie in Japan, dass bei bestimmten Festen noch Kimonos getragen werden. In China werden leider bei keinen Anlässen mehr traditionelle Gewänder getragen. Außer mal hier und da Fotos zu schiessen oder auf Hochzeiten oder als Kellner Uniform… (was ich selbst sehr schade finde…).
Auf Beerdigungen wurde stets weiß getragen. Keine andere Farbe.

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Ting Ting 13/11/2015 - 10:48

Ok. Einige Namen habe ich nu doch gefunden^^
Habe die im Text ergänzt.

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Petra 09/07/2016 - 19:33

Sehr spannend ist auch immer wieder, was hat Frau darunter getragen? Für die europäische Kleidung ist die Unterwäsche, die ein historisch stimmiges Erscheinungsbild erst möglich macht, würde man so etwas nachnähen wollen, gut dokumentiert. Gibt es das auch in China? Historiker, die sich damit beschäftigen?

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Ting Ting 13/07/2016 - 00:41

Hallo Petra,
was mir bekannt ist, ist das Dù Dōu. Das ist ein einfaches Tuch, welches man mit schnüren um den Hals und rücken fest bindet.
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Dù_Dōu

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Burkard 21/07/2016 - 09:58

Hallo Ting
ich bereite eine Ausstellung in Europa vor mit Bilder der Bauernmalerei. Ich habe aus allen Provinzen Chinas Bilder. Ich glaube ich habe die weltgrößte Sammlung zusammen. Jetzt habe ich noch eine Idee: Wenn ich die Bilder der einzelnen Provinzen zeige, wäre es gut wenn ich eine lebensechte Figur mit historischer Kleidung der jeweiligen Provinz zeige. Bist du in der Lage- oder kannst du jemand- der mir hier helfen könnte??
LG aus Würzburg
Burkard

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Ting Ting 27/07/2016 - 02:10

Hallo Burkhard,
hm das ist schwierig. Also du möchtest die Kleidungen der einzelnen Provinzen haben? Ich weiß leider nicht, ob es sowas gibt. Von welcher Zeitspanne würdest du es denn benötigen?

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Henry 03/08/2016 - 07:32

Hallo Ting Ting.
Warum stellst du der Veränderung der traditionellen chinesischen Mode der Frauen nicht auch die männliche Mode gegenüber? Ich bin momentan für 12 Monate in China und mir fiel auf, dass es schwierig ist traditionelle und typisch chinesische Kleidung zu bekommen und so stellte sich mir die Frage, was denn eigentlich typisch chinesisch sei, vor allem in Anbetracht der wechselnden Dynastien. Vhina hat eine sehr aufregende Kultur und bei den vielen verschiedenen Frauenmoden, muss sich die Männermode doch ebenso verändert haben.

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Ting Ting 04/08/2016 - 13:36

Hallo Henry,
ja, es ist leider wirklich sehr schwer an traditionell chinesische Gewänder zu kommen, da man sowas heutzutage einfach nicht mehr trägt. Und die meisten, die es im Ineternet zu kaufen gibt, sind einfach billige Nachmachen.

Die Männermode hat sich im Wandel der Zeit auch sehr verändert. Ich muss mal schauen, ob ich dazu Informationen zusammen finden kann. Falls ja, stelle ich sie auf jeden Fall rein ^^

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Gerda St. 07/05/2018 - 22:39

Cool, Männermode fände ich auch interessant! Auf Pinterest findet man ziemlich viele Bilder unter Hanfu (z.B. Senyi) mit Bildunterschriften in – vermute ich mal – chinesischen Schriftzeichen. Da frag ich mich dann immer, was da wohl dabei steht ;-)
Einen sehr schönen zeitlichen Überblick hab ich auch auf deviant art gesehen.

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